Innerpeace-Limo – In der Gegenwart sein

Mein Plan nach monatelanger Corona-Chaos-bedingter Schreib-Pause war eigentlich, über „Kipp-Punkte“ zu schreiben. Punkte in der Entwicklung, an denen sich etwas in die eine oder die andere Richtung bewegt und dann nicht mehr aufzuhalten ist. Über negative und positive Kipp-Punkte, und ich hatte schon eine ganze Reihe von Stichpunkten im Kopf.

Und dann hat sich etwas dazwischengeschoben. Nämlich der „inner peace“, dem dieser Blog seinen Namen verdankt. Es würde mich Anstrengung kosten, jetzt gerade über Kipp-Punkte zu schreiben. Und ich möchte mich gerade nicht anstrengen. Das heißt nicht, dass ich nur rumsitzen und nichts tun will. Aber ich will es mit Leichtigkeit tun, es einfach fließen lassen. Das Gegenteil von dem erleben, was die vergangenen Monate für mich oft bedeutet haben: Wenig Zeit, viele äußere Anforderungen, tatsächliche oder gefühlte Erwartungen, auch Sorge, vor allem aber Anspannung und ständiges Auf-Standby-Sein.

Kein „inner peace“ in den letzten Wochen – oder doch manchmal? Was ist das eigentlich, „innerer Frieden“? Sollte er nicht von den äußeren Umständen weitgehend unabhängig sein?

Innerpeace-Himmel
Sommerhimmel – Nachdenkzeit

Veränderung kommt über Erfahrungen

Hm…als Yogini müsste ich Karl Marx und Co. wohl entgegenhalten, dass das Bewusstsein das Sein bestimmt, auch unter widrigsten Umständen. Und doch ist wohl nicht zu leugnen, dass der Kontext in dem wir uns befinden (gesellschaftlich, räumlich, beziehungsmäßig…) auch Einfluss auf unser Bewusstsein hat. In Bezug auf das Sein UND das Bewusstsein kann ich dem Schriftsteller Eugène Ionescu viel abgewinnen:

Wir glauben, Erfahrungen zu machen, aber die Erfahrungen machen uns.

Eugène Ionescu

Erfahrungen – das wird unter anderem beim Kundalini-Yoga-Üben klar – verändern das Sein und das Bewusstsein gleichermaßen. Erfahrungen kann man über das Sein, zum Beispiel über die Sinne, machen („Ich fühle mich besonders energiegeladen, wenn ich morgens eine halbe Stunde laufe und dann Porridge mit Obst frühstücke.“). Aber man kann sie eben auch über das Bewusstsein machen („Dadurch, dass ich jeden Tag einen Merksatz zum Thema X lese, erinnere ich mich daran, in Situation Z nicht mehr so zu reagieren, wie ich es früher getan habe.“) Wer oft genug bestimmte Gedanken denkt und bestimmte Hirnregionen aktiviert, verändert das eigene Denken auch dauerhaft.
Wenn man sich „Sein“ mit „Außenraum“ und „Bewusstsein“ mit „Innenraum“ übersetzt, wird schnell klar, dass das eine nicht vom anderen getrennt zu denken ist und dass sie sich wechselseitig beeinflussen. Also hat der „innere Frieden“ wohl mit beidem zu tun beziehungsweise steht mit beidem in Wechselwirkung.

Ohne Agenda, ohne Warum…

Aber zurück zum Anfang. Der Begriff „inner peace“ kam tatsächlich über ein Erlebnis, eine Erfahrung, in mein Leben. Natürlich war er auch vorher schon da als Wort. Aber es war für mich nicht mit Bedeutung oder mit Sinn aufgeladen. Und dann…

…vor einigen Jahren – ich saß gerade in der U-Bahn – bekam ich unverhofft eine Handy-Nachricht von einem mir wichtigen Menschen, den ich länger nicht gesehen hatte: „Bin gerade in Berlin. Wollen wir uns treffen und eine Innerpeace-Limo trinken?“ Ich musste ziemlich lachen, denn meine erste Assoziation mit diesem Wort war eine Mischung aus Hipster-Sprech, Ökofreak-Zeug, HÄ?!? und „find ich irgendwie gut“.

Wir haben uns tatsächlich getroffen. Die Getränke waren letztlich eher sekundär (statt Limo waren es schwerer Rotwein und Mangosaft bei mir), aber der „inner peace“ ist hängengeblieben. Warum? Weil es für mich zu dieser Zeit ziemlich besonders war, sich mit jemandem ohne erkennbaren Zweck zu treffen und einfach nur zu reden, wie es gerade kommt, und dabei einfach nur da zu sein, zuzuhören und aufzunehmen und das zu sagen, was jetzt gerade zu sagen ist.

Klingt banal? Vielleicht schon, aber wie oft treffen wir uns denn tatsächlich völlig zweckbefreit mit Freund:innen oder uns wichtigen Menschen, in Ruhe und jenseits unserer „Alltagsdinge“ und Projekte und Vorhaben und tagesaktuellen Probleme und ohne etwas Bestimmtes zu wollen oder loswerden zu wollen oder mindestens mal etwas zu „unternehmen“? Ohne Uhr, ohne Agenda, ohne Warum…

Die Rose ist ohne Warum.
Sie blühet, weil sie blühet.
Sie achtet nicht ihrer selbst,
fragt nicht, ob man sie siehet.

Angelus Silesius
Unerwartet und mega-schön: Rosen im Weinberg

Einfach nur da…ich kann die Gelegenheiten abzählen, bei denen das so ist, und gerade deshalb sind sie mir so wertvoll geworden. Seit dieser „Innerpeace-Limo“ gab es in meinem Leben einige solche Gespräche und Momente mit verschiedenen Menschen, manchmal auch allein. Wahrscheinlich gab es auch vorher gelegentlich welche, aber es war mir eben nicht bewusst…

Das Neue braucht die innere Ruhe

Es geht nicht um Faulheit und Nichtstun, sondern im Gegenteil um Wachheit und Präsenz und Gegenwärtigkeit – das vollständige Da-Sein in einer bestimmten Situation. Neue Ideen, Projekte und Erkenntnisse entstehen ja oft gerade in der Ruhe und unter „Zweckbefreiung“.

Das erfordert in der Regel, dass man sich Zeit und Raum nimmt und die anderen Dinge Anforderungen, Zusammenhänge, ToDos, Don’ts die da noch sind, mal kurz ausblendet. „Innerpeace-Limo“ trinken ist auf jeden Fall eine nachhaltige Angelegenheit. Denn das, was man dann erfährt – über die Sinne oder auch gedanklich oder seelisch – bleibt meist da. Und trägt durch Corona- und andere seltsame Zeiten.

Rose ohne Warum

Ich möchte das noch besser können, ich muss da noch viel üben. Aber, hey, manchmal klappt es – und dann schreibt man zeitlose und zweckbefreite Blitzlichter – und das ist einfach nur schön!

Noch ein Blitzlicht: Innerpeace-Politics

Hier nochmal die Rahmenbedingungen, die für mich mit „innerem Frieden“ verbunden sind:

  • keine zu starre Agenda haben
  • Zeitdruck, ToDos und Don’ts ausblenden können
  • zuhören üben
  • mitteilen üben
  • innere Offenheit
  • Ehrlichkeit mit sich und anderen
  • geistige und seelische Beweglichkeit
  • Großzügigkeit gegenüber sich selbst und anderen
  • Konzentration auf das, was jetzt gerade Sinn macht

Und was hat das jetzt mit Politik zu tun?

Natürlich kann Politik nicht immer unter den oben genannten Bedingungen stattfinden. Aber es würde vermutlich einiges ändern, wenn sie zumindest hin und wieder in diese Richtung ginge. Man stelle sich eine Debatte zum Thema „Pflegesystem“ vor, in die die Beteiligten hineingehen, ohne vorher schon genau zu wissen, was rauskommen muss, damit es „gut“ ist. Man stelle sich vor, Menschen (Politiker:innen oder Leute, die sich sonst wenig mit Politik beschäftigen) sitzen in Ruhe zusammen, ohne Zeitdruck und Parteibuch im Nacken und überlegen, was es bräuchte, damit alte oder kranke Menschen (also wir alle irgendwann mal) in Würde leben und sterben können und was dafür verändert werden muss. Man stelle sich vor, dass sie sich an ungewohnten Orten treffen, die noch nicht mit Macht- und Ohnmachtszuweisungen aufgeladen sind. Vielleicht ist gar nicht gleich erkennbar, wer welchem „Lager“ angehört…

Ruhe im Studio
Ruhe…immer gut, auch in der Politik

Neue Politik braucht neue innere Haltungen

Vielleicht braucht es für diese Art von Politik neue Instrumente, zum Beispiel Bürgerräte mit gelosten Menschen. Oder Politiker:innen, die mal für eine Woche bei einer anderen Partei oder in einem anderen Resort hospitieren.
Ganz sicher braucht eine neue Politik neue innere Haltungen: Weg vom Kampf- und Rechthaben-Modus, hin zum Wertschätzungs- und Kooperations-Modus. Anfangen könnte man mit Ehrlichkeit. Wie würden Debatten wohl ablaufen, wenn Interessen, Rahmenbedingungen und Verbindungen nicht nur von allen erahnt, sondern klar und unaggressiv benannt würden? („Sie sind in Kontakt mit X so wie ich mit Y verbunden bin, ok, aber in diesem Fall sollten wir vielleicht auch Z berücksichtigen.“) Undenkbar? Warum eigentlich? Was in der privaten Kommunikation funktioniert, könnte man auch im politischen Kontext nutzen.

Wir alle wissen, wie sehr es Gespräche und Ergebnisse verändert, wenn wir selbst frei sind von Geltungsbedürfnis, Zweifeln, Misstrauen oder andersherum, wenn wir uns geschätzt, gesehen und wertvoll fühlen, wenn wir auf uns und anderen vertrauen – inner peace eben. Es spricht einiges dafür, dass gute Ergebnisse nicht nur unter Druck und Anstrengung entstehen, sondern gerade auch in entspannter und kooperativer Umgebung.

Klingt das nach Hipster-Sprech, Ökofreak-Zeug und HÄ?!? 😉? Oder vielleicht doch ein bisschen nach „find ich irgendwie gut“?

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