Bock auf Brücken

An manchen Tagen ist die Desintegration fast mit den Händen greifbar. Dieses Gefühl von „Mach Platz. Das ist jetzt mein Raum. Jetzt bin ich mal dran.“ Heute ist es die Schlange vor der Bäckerei, morgen vielleicht schon das Warten auf das letzte Intensivbett – natürlich sagt das niemand so, aber ganz oft kommt genau diese Stimmung rüber in Körperhaltung und Gesichtsausdruck oberhalb der Maske.

Masken-Tage

Berlin war vielleicht auch vorher nicht der Hort der Herzlichkeit, aber die Atmosphäre im öffentlichen Raum ist nochmal deutlich abgekühlt – als könnte schon das richtige Anschauen der Personen um einen herum einem schaden.

Und dann gibt es diese Tage, wo trotz Maske – oder vielleicht sogar wegen Maske – ein Funke überspringt, wo sich die Leute gegenseitig wahrnehmen, vielleicht sogar Mitgefühl entgegenbringen. Dafür, dass wir nun alle zusammen in einer Situation sind, die nicht mehr wirklich kontrollierbar scheint. Gerade hatte ich so einen Moment und zwar in der S-Bahn in Potsdam. (Meine Theorie ist ja sowieso, dass öffentliche Verkehrsmittel ein wunderbarer Ort sind, um etwas über Menschen und ihr Verhältnis zu Mitmenschen zu erkennen.) Eine jüngere resolut aussehende Dame sprach eine meiner Begleiterinnen an, deren Nase minimal über die Maske hinausschaute. „Wenn Sie die Maske andersherum aufsetzen, können Sie leichter atmen. Die ist auf einer Seite beschichtet.“ Wow, dachte ich, und auch meine Begleitung war erstaunt: „Ich dachte, die sagt mir jetzt, ich soll gefälligst die Maske richtig aufsetzen.“ Das wiederum hörte ein Seniorenpaar gegenüber, die dann mit uns ins Gespräch kamen. Da war sie – unverhofft und irgendwie versöhnlich – die vielbeschworene Solidarität.

Rückblick auf die erste Corona-Welle mit Klatsch-Konzert und Herz-Beleuchtung…Was ist davon noch übrig?

Sind wir jetzt Corona?

2020 – wie auch immer es weitergeht, wird „das Corona-Jahr“ bleiben. Ich habe es bisher als Jahr erlebt, in dem Gräben und Spaltungen in der Gesellschaft so deutlich zu Tage treten wie selten zuvor. Weil plötzlich viele im Angst- oder gar im Kampf-Modus sind – Angst um die Gesundheit, Angst um den Arbeitsplatz und das Einkommen, Kampf um möglichst erträgliche Bedingungen bei der Kinderbetreuung und im Home-Office…und das selbstverständlich nach den eigenen Vorstellungen davon, was gesund, sozial verträglich und sicher ist. Da werden schonmal deutlicher die eigenen Interessen verteidigt, denn „man muss ja sehen, wo man bleibt.“ Neulich beim Querlesen stieß ich auf eine andere Interpretation: Das Jahr mit dem neuen Wir-Gefühl. Ein Text von Lenz Jacobsen in der Zeit hat mich nachdenklich gemacht:

Das Virus hat längst im Negativen jenes Wirgefühl geschaffen, das den Deutschen doch sonst fast nie gelingt. Weil sie es sich selbst versagen (die Geschichte!) oder weil es ihnen doch eigentlich um Ausgrenzung geht (Leitkultur!). Wenn man sich schon um sonst nichts versammeln kann, dann immerhin jetzt um die Seuche: Wir sind Corona. Jedes Nachlassen im Kampf gegen die Pandemie wird dann zum Verrat an der Gemeinschaft.

Lenz Jacobsen auf zeit.de

Ich bin dann mal weg…

Bei mir hat das sofort einen inneren Widerstand gegen dieses „Wir“ ausgelöst. „Nee, seid ihr mal Corona“, hab ich gedacht. „Ich bin dann schonmal Klimaschutz oder Älterwerden in Würde oder Faire Bezahlung für Krankenhauspersonal.“ Auf so ein Wir – ein von denjenigen, die gerade die Diskurse bestimmen, verordnetes „Krisen-Wir“ – hab ich überhaupt keine Lust. Und ich habe den dringenden Verdacht, dass ein solches Wir – ob nun im Zusammenhang mit Corona oder mit anderen Themen – vielleicht ein gewünschtes, aber sicher kein real existierendes „Wir“ ist. Es wird über einen längeren Zeitraum nicht funktionieren. In dieser Hinsicht ist der Umgang mit der Corona-Krise kein gutes Vorbild für den Umgang mit anderen Krisen. Ich wünsche mir sehr, dass die Klimakrise angegangen wird und bin fest überzeugt, dass das auch möglich ist. Aber bitte nicht so, von oben diktiert, so dass sich die meisten beugen, aber viele zweifeln, machen verzweifeln oder innerlich in Abwehrhaltung oder Abstumpfung sind. So geht das nicht mit dem Krisen-Wir…

Wir sind nicht „Corona“ oder „Klimaschutz“, wir sind auch nicht „Deutschland“

Wir – und damit meine ich hier diejenigen, die sich einen Lebensraum und einen gesellschaftlichen Zusammenhang teilen – können uns darüber verständigen, was sich hinter „Coronakrise meistern“, „Klima schützen“ oder „In Deutschland gut leben“ verbirgt, aber das wird garantiert keine Ein-Satz-Antwort.

Ein echtes gesellschaftliches „Wir“ kann eigentlich nur darin bestehen, die Verschiedenheit der Interessen, Lebensumstände, Ansichten, Bedürfnisse anzuerkennen.

Wir sind „Du und ich und sie und diese und jene in den unterschiedlichsten Kombinationen“. Und innerhalb dieses Spannungsfeldes müssen wir Lösungen finden, die für alle, gangbar sind. Oder wir müssen uns zumindest eingestehen, dass es gerade keine Lösung gibt, die für alle gangbar ist und wir den Weg gehen, der für die meisten das kleinste Übel bedeutet. Ich habe keinen Bedarf an einem „Wir“, bei dem alles verschwimmt und alle gleich werden sollen, vereint hinter was auch immer. Ich habe Bock auf Brücken. Und was heißt das jetzt?

Brücken mit Menschen am Gleisdreieck-Park Berlin.

Erstmal auf neutralem Boden treffen

Das schöne an einer Brücke ist, dass sie eigentlich jede Person/Gruppe mit jeder Person verbinden kann. Es ist egal, ob jemand Biodeutsche:r/Kartoffel (Person mit typisch deutschen Eigenschaften) ist oder POC (Person of Color)…egal, ob man denkt, die Corona-Schutzmaßnahmen seien völlig unverhältnismäßig oder ob einem die AHA-Regeln noch lange nicht weit genug gehen…egal, ob man die Polizei für rassistisch durchsetzt hält oder für „Freund und Helfer“…ob man mit Hausbesetzer:innen in Berlin sympathisiert oder doch eher mit Hausbesitzern und ihren Gattinnen…ob man Volksabstimmungen für eine gute Idee hält oder doch eher auf eine Gesinnungs-Elite (selbstverständlich mit der „richtige“ Gesinnung“) an den entscheidenden Stellen setzt…

Auf der Brücke kann man sich erstmal treffen, auf neutralem Boden sozusagen, mal austauschen, zumindest mal anhören und schauen, was „da drüben“ so los ist. Das ist anstrengend, unter Umständen nervig, aber wahrscheinlich auch interessant und bereichernd. Vielleicht trifft man sich sogar ohne Maske – im übertragenen Sinne – und spricht aus, was einen wirklich bewegt, welche Ängste, Hoffnungen, Erwägungen, Bedürfnisse hinter der eigenen Position stehen. Das wäre vielleicht nicht schön, aber doch befreiend.

Solche Brücken gibt es noch viel zu wenige. Manchmal baut jemand eine, zum Beispiel Marina Weisband, die auf twitter dazu einlädt, ganz unbedarft Fragen über Judentum und Antisemitismus zu stellen.

Oder die mutigen Menschen, die Bastian Berbner in seinem Podcast „180 Grad – Geschichten gegen den Hass“ beschreibt.

Brücken-Bedarf – Bürgerrats-Boom

Und – das ist in der Tat eine gute Nachricht – es sind nicht nur einzelnen Menschen, die Bock auf Brücken haben, sondern zunehmend auch Organisationen, politische Gremien oder gar Regierungen. Ich wage die These, dass der Boom von Dialog-Veranstaltungen, besonders von gelosten Bürgerräten, den wir derzeit erleben, auch mit der Erkenntnis zu tun hat, dass wir Brücken brauchen.

Und da das nun mal das Thema ist, was mich einen Großteil des Tages beschäftigt, möchte ich einen Blick auf die Demokratie und auf das Phänomen „geloste Bürger:innenversammlung“ werfen. Warum schießen sowohl in Deutschland als auch international immer mehr geloste Bürgerräte aus dem Boden?

Schloss Schwerin, 13. Juni 2019, während der ersten Regionalkonferenz des ersten bundesweiten Bürgerrats. Und, ja, da war wirklich ein Regenbogen 😉

Was macht einen gelosten Bürgerrat aus?

  • gelosten Teilnehmende, möglichst ein Querschnitt der Bevölkerung
  • ausreichend Zeit
  • wiederholte Treffen
  • verständliche und ausgewogene Informationen
  • Expert:innen, die für Fragen zur Verfügung stehen, aber an Entscheidungen nicht beteiligt sind
  • Moderation, die dafür sorgt, dass alle zu Wort kommen und Ergebnisse gebündelt werden

Das Format Bürgerrat verspricht zwei Dinge, die für die Demokratie – oder ganz allgemein gesprochen für ein funktionierendes Zusammenleben – unabdingbar sind: Verbindung und Verstehen.

Demokratie braucht Verbindung

Diejenigen, die entscheiden, sollten gut verbunden sein mit denen, über oder für die sie entscheiden. Das gilt für die Menschen in den Parlamenten genauso wie für diejenigen, die beim Wählen oder beim Abstimmen Entscheidungen für die ganze Gesellschaft treffen. Wenn ein Präsident nur noch diejenigen als „unsere Leute“ bezeichnet, die das gleiche denken wie er, dann ist das ein Demokratieproblem. Wenn in den Parlamenten so viele Akademiker, ältere Menschen, Männer, Leute ohne Migrationshintergrund sitzen, dass das die Bevölkerung überhaupt nicht abbildet, dann ist das ein Demokratieproblem. Wenn Leute Volksabstimmungen fordern, um dann auf Biegen und Brechen ihre eigenen Themen damit durchzusetzen…wenn die Begriffe „Filterblase“ und „Spaltung“ in den Alltagssprachgebrauch übergehen…dann müssen wir uns um die Verbindung kümmern.

Jede Menge Menschen auf der Hugo-Preuss-Brücke zwischen Hauptbahnhof und Regierungsviertel am 10.10.2015. Fotograf: Leif Hinrichsen. Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

Demokratie braucht Verstehen

Um mich mit jemandem oder etwas zu verbinden, muss ich Verständnis aufbringen. Wenn ich zuhören, wenn ich andere Erfahrungen und Meinungen als meine an mich heranlasse, dann beginne ich zu verstehen. Wahrscheinlich werde ich die Meinung der anderen Person nicht übernehmen und umgekehrt auch nicht. Aber wir werden uns annähern. Wie sowas funktioniert zeigt der mdr-Dokumentarfilm zum Bürgerrat Demokratie.

Wenn wir etwas verstehen und offen miteinander sprechen und alle zu Wort kommen, dann entstehen Lösungen, auf die einer allein oder auch eine Gruppe von Gleichgesinnten vielleicht gar nicht kommen. Und es entsteht noch etwas anders: Vertrauen.

Begegnung schafft Beißhemmung

Es ist mir fast ein bisschen peinlich, aber ich muss an dieser Stelle mal den „Kleinen Prinzen“ zitieren. Wer kennt den Fuchs? Der Fuchs bringt dem kleinen Prinzen bei, wie man sich miteinander vertraut macht, indem man sich jeden Tag etwas näher zueinander setzt. Und wenn man sich einmal vertraut gemacht hat – das ist jetzt nicht mehr Saint-Exupéry, sondern Küchentisch-Philosophie – kommt es zu einer Art „Beißhemmung“ (hm…das ist offenbar der Absatz des Tiervergleichs). Der nervige Nachbar, mit dem ich einmal ein längeres Gespräch geführt habe, nervt mich seitdem viel weniger. Seit ich vor ein paar Jahren mal mit jemandem vom Bauern-Verband über den Einsatz von Glyphosat gesprochen habe, https://www.mehr-demokratie.de/glyphosat-debatte/ kann ich zumindest anerkennen, dass nicht alles, was die Befürworter sagen komplett des Teufels ist. Seit eine Abordnung der Bundeswehr mal bei Mehr Demokratie zu Besuch war (allein das ist schon eine Brücke), um sich über Pro und Contra Volksabstimmung zu informieren, ist der Begriff „Soldatin“ oder „Soldat“ bei mir mit echten, denkenden und sogar fühlenden Menschen verknüpft.

Einfach war gestern, aber heute ist Hoffnung

Vorher war’s einfacher, denn da wusste ich ja, was ich vom „Militär“ zu halten hatte. Will sagen: Wenn ich mich auf die Begegnung mit anderen einlasse, wird es schwieriger, denn „richtig“ und „falsch“ sind dann gar nicht mehr so leicht zu bestimmen. Aber einfach war gestern und heute ist komplex. Oft wird es wahrscheinlich nur auf eine einigermaßen Lösung, einen irgendwie gangbaren Weg durch all die Komplexität hinauslaufen. Aber das ist besser als eine harmonische „Alles im Griff, weil wir alle xy“-Fassade oder eine pastorale „Wir, die Wissenden, richten das für euch“. Wenn ich die Wahl habe, entscheide ich mich für das ehrlichere „Wir“ in aller Unvollkommenheit und Fragmentierung. Gerade bei den großen Fragen wie der Corona- oder der Klimakrise sollten daher in einem guten Rahmen unbedingt „alle“ (im Sinne von Leuten mit verschiedensten Ansichten und Lebensumständen) miteinander sprechen.

P.S.

Dieser Beitrag ist ohne direkten Bezug zu den US-Wahlen entstanden. Seit gestern steht fest, dass mit Joe Biden und Kamala Harris zwei Menschen an die Spitze der USA rücken, die für die Umkehrung des unempathischen, selbstbezogenen und irgendwie auch einfachen Weltbildes eines Donald Trump stehen.

Mit Joe Biden und Kamala Harris treten zwei Menschen auf den weltpolitischen Plan, zu deren erklärten Zielen das Heilen und Brückenbauen gehört. Das macht nicht alles gut, aber es macht Hoffnung.

Das heißt natürlich nicht, dass jetzt plötzlich alle Probleme gelöst wären – beim fragwürdigen US-Wahlsystem angefangen. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass das Verstehen und die Verbindung in den USA in den nächsten Jahren eine besondere Rolle spielen werden, ist gerade enorm gestiegen. Wie das ganz praktisch aussehen könnte hat das Projekt „America in 1 Room“ derweil schonmal vorgemacht:

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