Neulich habe ich lange mit meinem Vater telefoniert. Von „Was gibt’s bei euch Neues?“ kamen wir schnell auf ein etwas grundsätzlicheres Thema: Wie gehen gute (Familien-)Beziehungen?
Je älter die Menschen werden, desto mühsamer, zäher und anstrengender wird das Zusammenleben zwischen verschiedenen Generationen und Familienteilen. Das war die Beobachtung meines Vaters. „Aber bei den Müllers funktioniert das doch ganz gut, oder? Da hat doch der Sohn den Betrieb übernommen und die Familie der Eltern wohnt nebenan?“, frage ich. „Bei denen hat es auch gekracht“, sagt mein Vater. „Die Schwiegertochter spricht kaum ein Wort mit dem Otto und der Mary [Namen erfunden] .“
War das früher alles besser? Ich glaube nicht…

„Harmonie“ als Mangel an Alternativen
Früher hat man eben die Zähne zusammengebissen und ausgehalten, statt zu streiten, zu widersprechen oder sich sogar zu trennen. Die „Harmonie“ war in vielen Fällen eigentlich nur ein Mangel an Alternativen.
Und dann fällt mir wieder ein, was ich schon ein paarmal zu Leuten aus Lebensgemeinschaften gesagt habe: „Ihr seid eigentlich auch eine Art große Familie.“ Mit dem Unterschied, dass es sich um eine Art Wahlverwandtschaft handelt, in die man sich bewusst hineinbegibt. Auch die Beziehungsarbeit wird in Gemeinschaften (und mittlerweile auch im vielen Arbeitszusammenhängen) bewusst gemacht.
In Familien (oder auch anderen engen Beziehungen) dagegen wird meist erwartet, dass sich „der emotionale Kram“ schon von alleine regelt. Das mag in einigen besonders glücklichen Fällen funktionieren. In der Regel ist es aber so, dass sich Konflikte, Missverständnisse und Verletzungen aufstauen. Bei manchen brechen sie nach Jahren des „Unter-den-Teppich-Kehrens“ durch. Bei anderen werden die Spannungen auch nie offen angesprochen und irgendwann mit ins Grab genommen.
Die ewigen „Einsiedler“
Als Kind bekam ich mit, dass der eine Familienzweig meines Opas irgendwie „verschroben“ war und man sich nicht einmal Guten Tag sagte. Selbst der Hausnamen passte dazu (Hausname = eine Art Spitzname, der innerhalb des Dorfes für eine Familien verwendet wird). „Einsiedler“ wurde die Familie genannt. Es war eine Schäfer-Familie. Die Männer dieser Familie waren tatsächlich – zumindest einen beträchtlichen Teil der Arbeitszeit – auf der Weide bei den Schafen. Vielleicht wurden sie auch deshalb als „Einsiedler“ angesehen. Ich fand Schafe schon immer super. Und doch wäre ich als Kind nie auf die Idee gekommen, zu fragen, ob ich mal mit auf die Weide oder in den Stall gedurft hätte. Immer, wenn ich am Einsiedler-Haus vorbei ging, hatte ich ein irgendwie komisches Gefühl, so als sollte man lieber einen Bogen darum machen, um keinen Ärger zu bekommen. Als ich älter wurde, fing ich irgendwann an, doch zumindest „Guten Tag“ zu sagen, wenn ich jemandem im Hof sah. Die Frauen antworteten, bei den Männern kann ich mich an kein einziges gesprochenes Wort erinnern. Inzwischen wohnt jemand anders in dem Haus. Und noch immer mache ich unwillkürtlich einen leichten Bogen darum, wenn ich „in die Stadt“ gehe. Den Hintergrund davon – einen unversöhnlichen Streit zwischen zwei Brüdern – habe ich erst viel später erfahren. Vieles davon ist noch immer im Dunkeln.
Wie viel schlechte Stimmung, Anspannung und teilweise auch Leid und „verbaute“ Lebensentwürfe würden sich durch offene und bewusste Kommunikation vermeiden lassen?
Eigentlich müssen wir dazu „nur“ die Techniken, die heute in vielen Organisationen und Gemeinschaften schon angewandt werden, auch im Familienalltag anwenden.
Mit etwas Glück lernt man Kommunikation und Konfliktmanagement heute schon in der Schule. Ich bin positiv überrascht, wie viele Angebote zum fairen und gewaltfreien Umgang miteinander und auch zum Thema psychische Stabilität mittlerweile an den Schulen gemacht werden. Ja, es gibt riesige Unterschiede zwischen einzelnen Schulen. Aber immerhin gibt es überhaupt solche Angebote. In der Generation meiner Eltern selten, in der meiner Großeltern quasi undenkbar.
Heute lernen immer mehr Menschen, wie man Gespräche auf Augenhöhe führen und mit Konflikten einigermaßen umgehen kann. Damit haben wir die Chance – und die Verantwortung – gewaltfreie, mitfühlende und achtsame Kommunikation auch in unsere Familien und Bekanntenkreise hinein zu tragen.
Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, der „Einsiedler“-Geschichte bei Gelegenheit mal auf den Grund zu gehen.