Leuchtpunkte – Nr. 4: Loslassen lernen

Ich lerne gerade viel über das Thema „Loslassen“. Hier im Video erzähle ich davon:

Die Sache mit der Windmühle…

Es war eine verstaubte, selbstgebastelte Windmühle aus Pappe mit einem Alufolie-Schwanenteich, die mich schon vor ein paar Jahren dazu gebracht hat, über Besitz versus Wohlstand und Anhäufen versus Leermachen nachzudenken. Diese Mühle hatte ich gebastelt, vielleicht in der vierten Klasse. Und als ich in unserer Ferienwohnung im Haus meiner Großeltern umgeräumt habe, um Platz für ein Kinderzimmer zu schaffen, ist sie mir wieder in die Hände gefallen. Die Wasserfarben waren reichlich verblasst und die Augen der Schwäne nur noch zu erahnen – und so habe ich sie kurzerhand ins Altpapier befördert. Meine Mühle, meine Angelegenheit, dachte ich…Und fühlte mich richtig gut, nachdem ich das Zimmer von „Gerümpel“ befreit und Platz für Neues geschaffen hatte.

Was ich nicht wusste: Meine Oma fand das ziemlich traurig, denn ich hatte in ihren Augen eine wertvolle Erinnerung einfach entsorgt und damit „entwertet“. Sie hingegen hatte es mehr als zwei Jahrzehnte nicht übers Herz gebracht, die Bastelei ihrer Enkelin wegzuwerfen. Verstanden habe ich das erst Monate später, als wir beim Kaffeetrinken über die unterschiedlichen Einstellungen der Generationen zum Thema „Aufheben und Sammeln“ gesprochen haben und meine Oma – für mich völlig unerwartet – diese Pappmühle sozusagen wieder aus der Tonne holte.

Gesammelte Werke – Sicherheit oder Ballast?

Wie konnte es sein, dass eine aus meiner Sicht so belanglose Handlung jemand anderen verletzt hat? Ich fing an, über die Bedeutung von materiellem Besitz, Vollstellen und Leeräumen nachzudenken.

Viel „Zeug“, das herumsteht oder irgendwo lagert, empfinde ich eher als Belastung. Ich brauche Platz. Zum Atmen, zum Denken, zum Bewegen, zum Yoga-Machen (…und gelegentlich auch mal, um etwas Neues ins Regal zu stellen). Nicht zu viel „Stoff“ zu haben ist für viele Leute der jüngeren oder mittleren Generationen schon allein deshalb ein Thema, weil sie öfter umziehen, keinen dauerhaften und festen Lebensmittelpunkt haben und zumindest zeitweise in WGs und begrenzten Stadtwohnungen leben. Mein ganzes Lebensgefühl ist weniger von Haben als von Sein bestimmt…

Wie sehr hänge ich an meinem Besitz

Das dachte ich zumindest die letzten Jahre. „Ich bin super im Loslassen und Ausmisten“. Dass auch mein Wille zum Wegwerfen an seine Grenzen kommt, habe ich neulich festgestellt: Ich habe das Diensthandy aufgeräumt, das ich 16 Jahre lang genutzt hatte und über das Kontakte zu Medien, Kooperationspartner:innen und Organisationen liefen. Um es meiner Nachfolgerin „sauber“ zu übergeben, bin ich also alle Kontakte durchgegangen. Jedesmal, bevor ich auf „löschen“ geklickt habe, hatte ich diesem Aua-Moment: „Das war doch die Kampagne X…Ach, weißt Du noch, das Treffen mit Z, wow das war spannend…Mit Y habe ich auch total gerne gearbeitet.“ Und das Gefühl, irgendwie etwas hergeben zu müssen, das mir lieb und teuer ist. Ich hänge vielleicht – anders als meine Großeltern – nicht an ökonomischem Kapital. Mein „soziales Kapital“ ist aber auch eine Art von Besitz, der sich eben nicht materiell, sondern durch Zugehörigkeit und Beziehung ausdrückt. (Ein Überblick über die verschiedenen Kapitalsorten nach dem Soziologen Pierre Bourdieu findet sich hier)

Die Sache mit der Anhaftung

Wenn wir Besitz einmal größer denken, also nicht nur als das Sicht- und Anfassbare, fällt das Loslassen vielen Menschen schwer. Interessant finde ich zu fragen, welche Denkmuster und Überzeugungen hinter den Konzepten „Halten oder Loslassen /Haben oder Sein“ stehen. Der Gedanke, dass man durch Besitz und äußere Faktoren auch zu Zufriedenheit und „innerer Sicherheit“ gelangt, ist noch immer weit verbreitet, auch bei jüngeren Menschen. Es gibt nicht „die ältere Materialisten-Generation“ und „die jüngeren Postmaterialist*innen-Generation“, sondern eine Vielzahl von Milieus und Wertegemeinschaften. Dinge loszulassen oder auszumisten, fällt dann schwer, wenn man im „Haben“ auch eine Möglichkeit der Kontrolle und des Vorbereitet-Seins auf was auch immer sieht. Und dieses Phänomen kennen wahrscheinlich die meisten.

Letzten Endes ist es natürlich so, dass wir nichts mitnehmen und für ewig sichern können – selbst die Beziehungen zu unseren Liebsten sind temporär. Das Streben nach Nicht-Anhaftung ist zum Beispiel im Yoga und im Buddhismus ein wichtiges Konzept.

Was bedeutet eigentlich Sicherheit?

In Zeiten, in denen vieles nicht genau vorhersehbar und schon gar nicht kontrollierbar ist, wächst das Bedürfnis etwas festzuhalten, sich festzuhalten. Das ist nachvollziehbar und macht auch Sinn. Aber vielleicht müssen wir das, woran wir uns festhalten, überdenken. Wir leben nicht mehr in den 50ern, als die oben beschriebenen Denkweisen (Existenz sichern durch Besitz-Anhäufung) durchaus ihre Berechtigung hatten.

„Was wir heute brauchen ist kein Wirtschafts-, sondern ein Anpassungswunder.“

Wenn wir mit der Welt, wie wir und die vorherigen Generationen sie uns geschaffen haben, klarkommen wollen, müssen wir manches loswerden und vieles überdenken. Unser Konsumverhalten, unser Verständnis von Wohlstand und Gerechtigkeit, unsere Bequemlichkeit, unsere Un-Verbundenheit mit den anderen Lebewesen auf dieser Erde und mit „fremden“ Menschen…Um das überhaupt zu schaffen, brauche wir natürlich auch Sicherheiten. Die werden wir aber eher in uns finden, statt im Außen oder im „Besitz“. Und damit wir irgendetwas in uns finden können, brauchen wir vor allem eines: Zeit zum Suchen und um uns selbst und gegenseitig zuzuhören.

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