„Moderatoren und Kümmerer sorgten dabei für einen professionellen Rahmen und reibungslosen Ablauf.“ Das schrieb der Münchener Merkur kürzlich in einem Beitrag über den Bürgerrat Ernährung. „Kümmerer“ – was für ein schönes Wort. Davon einmal abgesehen, dass hier ausschließlich die männliche Form verwendet wird und diejenigen, die „sich kümmern“, sowohl beim Bürgerrat als auch in der Gesellschaft überwiegend weiblich sind.
Care-Arbeit – Diesen Begriff bringen wir normalerweise nicht mit dem politischen Raum oder mit Kommunikationsprozessen in Verbindung. Unter Care-Arbeit wird häufig unbezahlte Arbeit im Rahmen der Familie oder des engeren Umfelds verstanden: einkaufen, putzen, Wäsche waschen, aufräumen, pflegen, trösten, ermutigen, mitfreuen und mitfühlen… Nichts, wo man einen akademischen Grad, eine Referenz oder ein Gütesiegel bräuchte, das kann und macht man halt nebenbei. Noch immer verbringen Frauen über eine Stunde mehr pro Tag mit unbezahlter „Sorgearbeit“ als Männer. Immerhin, der Abstand wird nach aktuellen Zahlen des statistischen Bundesamtes kleiner. Es gibt natürlich auch die bezahlte Care-Arbeit in Bereichen wie Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege, Erziehung und Bildung. Auch sie wir überwiegend von Frauen geleistet.
Care-Arbeit im privaten Feld und in Arbeitskontexte verdient mehr Wertschätzung. Nicht nur finanziell, sondern auch hinsichtlich der Bedeutung und dem Gewicht, die dem „Kümmern“ in Prozessen eingeräumt werden.

Denn auch Kommunikations- und Politik-Prozesse erfordern nicht nur gute Struktur und Abwicklung, sondern auch Zuwendung, im übertragenen Sinne sogar „Pflege“, „Aufräumen“ und „Putzen“.
Care-Arbeit als zentraler Bestandteil von Bürgerräten
Mit Blick auf drei miterlebte Bürgerräte kann ich sagen: Die Kümmer-Arbeit, die das gesamte Team dort getan hat, war ein wesentlicher Bestandteil, wenn nicht sogar das Fundament dieser Prozesse. Angefangen bei der Einladung der Ausgelosten, dem Telefonservice für Rückfragen, der intensiven Teilnehmenden-Betreuung, die auf die Bedürfnisse jeder und jedes einzelnen eingegangen ist: Leichte Sprache? Barrierefreiheit? Kinderbetreuung? Besondere Anforderungen an die Anreise oder Unterbringung? Erwartungen und Notwendigkeiten bei der Verpflegung? Das zügige und stets freundliche Beantworten vieler, vieler Fragen. Da war die Organisation von Besprechungen mit dem Kernteam, aber auch mit externen Menschen wie dem wissenschaftlichen Beirat. Die sorgsame Einbindung und Information der Abgeordneten des Bundestags. Die strukturierte Zusammenarbeit mit den zuständigen Verwaltungseinheiten. Das Kümmern um hunderte von Medienanfragen. Und das Zusammenhalten und immer wieder Anpassen des ganzen Prozesses – Jour fixes, Arbeitsgruppen, geplante und spontane Besprechungen. Nicht zuletzt auch das Schaffen einer übersichtlichen und für alle Beteiligten zugänglichen Ordner-, Ablage- und Dokumentationsstruktur.
Care-Arbeit ist eben oft auch Kehr-Arbeit im Sinne von Aufräumen, In-Ordnung-Halten, angenehme Atmosphäre schaffen. Das ist vielleicht nicht das, worum sich alle reißen. Trotzdem: Wird nicht „gekehrt“, wird der gemeinsam beanspruchte reale oder virtuelle Raum irgendwann unschön und nicht mehr gut nutzbar.
Care-Arbeit schafft sichere und konstruktive Räume
Mit Blick auf viele Jahre Kommunikationsarbeit und Teamleitung kann ich sagen: Sicherlich 60 Prozent dieser Arbeit hat auch mit „Kümmern“ zu tun. Das, was nach außen sichtbar wird, die „Öffentlichkeitsarbeit“ eben, ist die schöne, vorzeigbare und gar nicht kleine Spitze des Eisbergs. Das, was im Hintergrund läuft an Gesprächen, Planungen, Teambuilding, Aushandlung, an Sortieren, Dokumentation, Planung, interner Kommunikation – ist die Basis, der große und tragende Teil des Eisbergs, der unter Wasser liegt.
Nun sind PR-Abteilungen noch ein sehr sichtbarer Bereich in Unternehmen und Organisationen. Andere Kümmerer, z.B. die Buchhaltung oder das Personalmanagement treten öffentlich gar nicht Erscheinung. In der Berichterstattung geht es natürlich in der Regel um die Spitze des Eisbergs – um das, was spannend, kontrovers, auffällig, glänzend oder brennend ist. Care-Arbeit ist in der Regel nichts davon.
Ich nenne Arbeitsbereiche, die auch oder sogar ausschließlich im Hintergrund arbeiten oft „Maschinenraum“. Aber der „Kümmerer“-Begriff des Münchner Merkur ist eigentlich noch wertschätzender und schöner. Vielleicht ist das sogar eines der Erfolgsgeheimnisse von Bürgerräten und vergleichbaren Prozessen wie LOSLAND: Eine Kultur des Austauschs, in der die Kümmerer ein wesentlicher Erfolgsfaktor sind.
In einem Raum, um den sich jemand kümmert, fühlen sich Menschen sicher und halten sich dort gerne auf. Wahrscheinlich brauchen wir künftig noch viel mehr Arbeitszusammenhänge, in denen die Care-Arbeit von Anfang an mitgedacht, als wesentlicher Teil eines Prozesses betrachtet und gewürdigt wird.