Was ich als erstes dachte…
„Co-Creation, Ko-Kreation oder Kokreation?! Ah ja…wieder ein neues Wort dafür, dass irgendwer irgendwie beteiligt wird. Aka [1] Mitreden, aka Bürgerbeteiligung, aka Partizipation, aka Leute-reden-und-am-Schluss-ändert-sich-wenig. Bisschen abgehoben und nach Berliner Blase klingt es schon“. Das waren in etwa meine zugegeben wenig konstruktiven Gedanken als ich das Wort Kokreation zum ersten Mal wahrgenommen habe. [2] Unterschwellig war da auch eine Mischung aus Müdigkeit und Misstrauen: Während die Welt brennt, wimmelt es nur so von Konzepten, die aber an den Lebensrealitäten der meisten Menschen weit vorbeigehen. Um wirklich etwas zu verändern, müssen wir schon an die Strukturen ran, Gesetze, Regeln, Verfahren…die Macht neu verteilen.
Warum ich trotzdem genauer hingeschaut habe…
Durch die Zusammenarbeit mit dem Institut für Partizipatives Gestalten IPG bei mehreren Bürgerräten hatte ich Kontakt zu Jascha Rohr. Über ihn erfuhr ich im letzten Herbst von einem Projekt unter dem Arbeitstitel Demokratie-Update [3]. Mehr aus einer Intuition und aus dem Vertrauen in die beteiligten Personen heraus als aus „vernünftigen Gründen“ nahm ich an einigen Treffen teil. Ich erlebte mit, wie über „Streams“ (einzelne Unterthemen, die im Rahmen des Projekts eine Rolle spielen sollen), eine „Vollversammlung“ (mehrtägige Veranstaltung in Berlin) und ein Kommunikationskonzept gesprochen wurde. Feste Strukturen, Hierarchien, Arbeitsbereiche waren für mich nicht erkennbar. Es gab allerdings Regeln für die Zusammenarbeit und zwar:
- Wer macht, der macht (und nur bei zentralen Fragen warten wir bis alle sich äußern)
- Wir begegnen uns auf Augenhöhe unabhängig von unseren Rollen
- Wir kommunizieren transparent über unsere Vorhaben und Absichten
- Konjunktive sind verboten!
Aus meinen „Ah ja“ vom Anfang war inzwischen ein erstauntes „Aha“ geworden. Obwohl mir das Ganze irgendwie unklar und noch ziemlich amorph erschien, zog mich irgendetwas an dem Projekt an. Rückblickend betrachtet hat mich die innere Haltung der Organisator:innen beeindruckt. Das WIE eher als das WAS. Ich habe wahrgenommen: Tiefes Vertrauen, dass genau das Richtige und Passende entsteht, mit genau den Leuten, die zum Zeitpunkt X dazu beitragen können und wollen. Und die Fähigkeit, vorrübergehendes scheinbares Chaos, Irritationen und Verwirrung auszuhalten und dem Prozess seinen Lauf zu lassen.

Statt das ganze als „Chaostruppe“ abzutun, behielt ich das Update im Auge. So erreichte mich auch die Einladung zum Cocreators Basecamp. Interessant fand ich dabei vor allem den angekündigten Methoden-Überblick. Parallel begann ich das Buch „Die große Kokreation“ zu lesen und stellte fest: Da geht es gar nicht nur um Methoden. Da geht es auch um Philosophie. Es auch um Krisen. Und um die Frage, wie Menschen oder Gruppen Krisen „surfen“ können, statt vor ihnen davonzulaufen. In der Regel ist Letzteres ohnehin wenig aussichtsreich und irgendwann überrollt die Krise einen doch. Also rein ins unbekannte Wasser.
Was dann passiert ist…
Für das Basecamp Mitte April kamen 15 Personen zusammen. Einige davon arbeiten bereits als Facilitator:innen oder Moderator:innen, andere kommen aus der Verwaltung oder Regionalentwicklung, wieder andere aus der Wissenschaft, dem Kommunikationsbereich oder dem Aktivismus. Einige stecken bereits tief in Demokratiefragen drin, andere sind zwar besorgt über den Zustand der Demokratie, aber fühlen sich im Politikfeld eher fremd.
Neben Basiswissen (dazu unten gleich mehr) haben wir uns eine Woche lang intensiv mit Methoden, Formaten und Verfahren beschäftigt. Im Zentrum stand die Frage: „Wie lässt sich ein Prozess sinnvoll und kokreativ gestalten?“ Der Prozess, mit dem wir uns beschäftigt haben – sozusagen unser Inhalt und das konkrete Verfahren, an dem wir gearbeitet haben – war das Demokratie-Update-Projekt. Klingt komplex und vielschichtig? Ist es auch. Trotzdem bin ich sicher, dass jeder:r der Beteiligten ganz eigene und sehr greifbare Lehren und Erkenntnisse aus dieser Woche mitgenommen hat. Meine möchte ich hier teilen.
Was ich in einer Woche über Kokreation gelernt habe…
Hier halte ich sieben für mich wichtige Erkenntnisse fest. Um sie anschaulicher zu machen, beschreibe ich anekdotisch einige Erlebnisse aus dem Basecamp und die Haltungen und Methoden, die dabei angewendet wurden. [4]
1 Gestaltung ermöglichen statt „mitnehmen“
Es geht um eine tiefe Beteiligung. Darum, dass die Beteiligten tatsächlich gestalten, nicht nur zu bereits vordefinierten Vorschlägen Stellung nehmen. Viele demokratische Prozesse bleiben noch immer beim Informieren stehen, z.B. Podiumsdiskussionen oder Präsentationen zu Planungsprozessen. Möglicherweise können dazu noch Eingaben und Anregungen gemacht werden. Ob diese berücksichtigt werden, bleibt aber offen. Dabei gibt es klare Hierarchien. Platt gesagt: Wenige Bescheidwisser nehmen die anderen mit.

Immerhin geht der Trend zu mehr Deliberation – das heißt, es finden Dialoge, Debatten, Bürgerforen, Bürgerräte statt. Hier sprechen alle Beteiligten auf Augenhöhe und suchen Verständnis für die jeweils anderen Positionen. Die Kokreation geht noch einen Schritt weiter: Hier versuchen alle, die Anteil haben, den Prozess gemeinsam zu verstehen und zu gestalten. Dabei wird angenommen, dass alle von allen lernen können, jede:r Beteiligte wichtige Fähigkeiten und Potentiale mitbringt und verschiedene Ebenen (nicht nur koginitive, sondern auch emotional und soziale Faktoren) berücksichtig werden müssen.
Zum Kennenlernen waren am ersten Seminartag alle Teilnehmenden eingeladen, einen Platz im Raum zu finden, der gerade passend erschien. Von diesem Platz aus stellte sich dann jeder:r vor. Die Frage war „Wer bin ich und warum stehe ich genau hier?“. Manche entschieden sich auch spontan noch, den Platz zu wechseln. Manche Plätze und Elemente im Raum (z.B. eine Kletterpflanze) wurden von mehreren als Standort gewählt, jedoch mit unterschiedlichen Beweggründen und Geschichten. Am Ende der Vorstellungsrunde hatte ich ein eindrucksvolles – nicht nur inneres, sondern auch optisches – Bild von unserer Gruppe mit ihren Unterschieden und Gemeinsamkeiten. Schon in der ersten Pause gingen Menschen aufeinander zu, weil sie eine bestimmte Aussage berührt hatte, ein Aspekt sie interessierte oder sie Parallelen in ihren entdeckt hatten.
Methode: Ankommen im Raum
2 Sich-einlassen statt kontrollieren
Bemerkenswert fand ich auch die Haltung der Offenheit, sowohl in Bezug auf die Ergebnisse als auch auf den Verlauf unserer gemeinsamen Woche. Natürlich gab es ein Programm und ein inhaltliches Schwerpunktthema. Aber eben nicht die Vorstellung: „Am Ende der Woche soll ein Ablaufplan für das Demokratie-Update-Projekt stehen“ oder „Wir müssen unbedingt Methode xy anwenden.“ Gelernt habe ich: Ein Prozess darf mit bestimmten Intentionen beginnen, sich dann aber so entwickeln, dass am Ende ganz andere Ergebnisse stehen als die erwarteten oder erwünschten. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – ist es ein guter Prozess. Das IPG nennt solche Gestaltunsprozesse generativ: „Sie generieren ihre eigenen Prozessschritte, ihre eigene Zielsetzung, ihre eigenen Methoden und Ergebnisse“ und produzieren damit „mehr Kontextbewusstsein, neue Ideen, kollektive Intelligenz und unvorhergesehen Lösungen.“
Ich hatte in der Vorbereitung auf das Seminar damit gerechnet, dass wir vor allem über konkrete Schritte und Maßnahmen für ein Demokratie-Update sprechen würden. Stattdessen hat sich unsere Gruppe aber zunächst intensiv mit Fragen der Machtstrukturen, subtiler Macht, ungleicher Ressourcenverteilung und Chancengleichheit beschäftigt. Alles sind natürlich Aspekte von „Souveränität“, dem für das Demokratie-Update zentralen Begriff. In einer anderen Gruppenkonstellation hätten aber auch ganz andere Aspekte „aufploppen“ können und dann wären diese zentral für den Prozess gewesen.
Innere Haltung: Offenheit, Vertrauen, Einlassen auf agile Prozesse
3 Denkmuster und Glaubenssätze von Anfang an erkennen
Wie wir geprägt sind, was wir erfahren haben und was unsere tiefen Überzeugungen sind, beeinflusst auch wie wir denken, kommunizieren und mit anderen interagieren. Doch in vielen Arbeitszusammenhängen und politischen Prozessen bleiben Glaubessätze und Denkmuster unter der Oberfläche und es wird nur die Spitze des Eisbergs (das Faktische, Nachprüfbare, direkt Sichtbare) berücksichtig. Wenn Konflikte entstehen, geht es aber oft gar nicht um die Fakten, sondern um aufeinandertreffende tiefe Überzeugungen, Weltbilder, oft auch um Verletzungen, die Angst und/oder Wut auslösen (-> mehr zu Traumata/unverarbeiteten Verletzungen hier). Deshalb ist es hilfreich, eigene und fremde Glaubenssätze zu erkennen.

Jede:r von uns hat am ersten Tag des Basecamps drei Leitsätze/übernommene „Lebensweisheiten“/tiefen Überzeugungen aufgeschrieben. Auf einem meiner Zettel stand zum Beispiel „Never touch a running system“. Mit je einem unserer Glaubenssätze sind wir dann im Raum herumgewandert und haben in wechselnden Gruppen über ein vorgegebenes Thema gesprochen – allerdings immer mit unserem ausgewählten Glaubenssatz im Hinterkopf. Eine Frage war z.B. „Soll die AfD verboten werden?“ Mit einem Glaubenssatz wie „Never touch a running system“ kommt man hier natürlich zu ganz anderen Aussagen als z.B. mit „Es geht nichts über die freie Meinungsäußerung“, „Sprich immer Deine innere Wahrheit, auch wenn das für Ärger sorgt“ oder „Steh immer für diejenigen ein, die nicht für sich selbst einstehen können.“
Methode: „Palaver“ zum Erkennen von Glaubenssätzen
FORTSETZUNG FOLGT
[1] Aka steht für „also known as“ oder „auch bekannt als“.
[2] Wer gleich tief einsteigen will, dem sei empfohlen: Jascha Rohr: Die große Kokreation. Eine Werkstatt für alle, die nicht mehr untergehen wollen. Murmann. 2023. https://die-grosse-kokreation.net/
[3] Eine erste Webseiten-Version dazu gibt es hier: https://du-bist-souveraen.de/
[4] Die kursiven Texte sind mein persönliches Erleben und meine persönliche Bewertung. Andere Teilnehmende würden für sich vielleicht andere Schwerpunkte setzen oder andere Schlüsse ziehen.
Ein Kommentar zu „Ko-Kreation: Mehr als Mitreden – Ein Erfahrungsbericht (Teil 1)“