Anfang des Monats habe ich einige Eindrücke und Erkenntnisse aus dem Cocreators Basecamp hier geteilt. Hier nun die Fortsetzung. Und nochmal der wichtige Hinweis: Die kursiven Texte sind mein persönliches Erleben und meine persönliche Bewertung. Andere Teilnehmende würden für sich vielleicht andere Schwerpunkte setzen oder andere Schlüsse ziehen.
4 Persönlichen Zugang zum Thema finden
Oft beginnen Veranstaltungen mit einem Impulsvortrag, einer Austauschrunde, einer gemeinsamen Themensammlung. Dass jede:r zunächst mal für sich und auf einem selbst gewähltem Weg einen eigenen Zugang finden darf, war mir neu. Dabei waren durchaus auch Zugänge möglich, die man auf den ersten Blick gar nicht für eine „Methode“ gehalten hätte. „Ins Feld eintauchen“ ist zum Beispiel auch möglich, indem man einen Kaffee im Regierungsviertel trinkt und die Stimmung dort wahrnimmt. Auch hier zeigt sich wieder das in Teil 1 erwähnte Grundvertrauen in die Kompetenz jedes einzelnen Partizipateurs und in den Prozess selbst.
Zum Thema „Demokratie-Update“ haben wir zuerst unseren jeweils eigenen Zugang gesucht. Jemand hat z.B. eine Mindmap zu Emotionen im Zusammenhang mit Demokratie erstellt – hier schlossen sich spontan weitere Menschen an. Andere haben sich beim Spazierengehen ausgetauscht. Jemand hat für sich offene Fragen und wesentliche Themen auf Karteikarten gesammelt. Jemand hat die eigenen Social Media-Community befragt…Mein Zugang bestand darin, mit Menschen auf der Straße zu sprechen. Die Frage war: „Wenn sie Demokratieentwicklung hören, was kommt Ihnen da als erstes in den Sinn? Das kann ein Wort, ein Satz, ein Gefühl sein…“. Von ca. 25 Menschen habe ich in einer Dreiviertelstunde Antworten bekommen. Hier ein Eindruck davon:
Methode: Eintauchen ins Feld mit einer individuell gewählten Methode

5 „Alles, was beteiligt ist“ berücksichtigen
Jeder Raum und jeder Kontext, in dem wir uns bewegen, hat einen eigenen Charakter, eine eigene Stimmung. Die meisten Menschen werden sich auf einem Bahnhof anders fühlen als in einem Park. Und in der Küche eines Bauerhofes anders als in der Büroetage eines Hochhauses. Die „Stimmung“ hängt ab von den Personen, die im Raum sind, aber auch von Architektur, Gegenständen, Pflanzen, anderen Wesen, Geräuschkulisse, Klima…Im Verständnis des IPG sind all diese Elemente/Kräfte/Faktoren in einem Feld. Sie sind am Prozess beteiligt und somit „Partizipateure“. Das Zusammenspiel der Partizipateure wird sich im Zeitverlauf auch ändern. Deshalb macht es Sinn, bevor man mit der Arbeit loslegt, erstmal ein gemeinsames Verständnis dafür zu schaffen, welche Situation man gerade vorfindet.
Im Training haben alle Teilnehmenden gemeinsam in einer Resonanz-Landkarte zusammengetragen, was sie im Feld (in unserem Fall Demokratie-Update/Demokratieentwicklung) als die wichtigsten Partizipateure wahrgenommen haben. Zunächst hat jede:r seine drei wichtigsten Aspekte auf je eine Karte geschrieben. Die eigenen Aspekte haben wir den anderen erläutert und auf dem Boden gesammelt. Dort wurden sie in eine Matrix mit vier Feldern eingeordnet: . 1. Positive Kraft, schwache Wirkung, 2. Positive Kraft, starke Wirkung, 3. Negative Kraft, starke Wirkung, 4. Negative Kraft, schwache Wirkung. Anschließend haben alle gemeinsam die Matrix angepasst: Jede Karte durfe nochmals oder auch mehrmals verschoben werden, aber nicht zurück an den ursprünglichen Platz. Sobald Ruhe einkehrt, also niemand mehr das Bedürfnis hat, zu verschieben, hat man ein gemeinsames Resonanz-Bild, mit dem alle mitgehen können. Die Begriffe, die sich dort fanden, bezeichneten tatsächlich nicht nur Personen/Gruppen, sondern auch andere Elemente. Dort lagen z.B. „Wut“, „Angst“, „Junge Menschen“, „AfD“, „Social Media“, „Wissenschaft“…Was für mich an unserem Mapping bemerkemswert war: Die Karte „Menschen auf der Straße“ lag fast in der Mitte der Matrix, wo sich sonst kaum Partizipateure befanden. Sie war auch beim gemeinsamen Ordnen nicht verschoben worden.
Methode: Resonanzmapping

6 Resonanz als Grundlage nutzen
Ein Leitsatz, den wir ganz zu Anfang gelernt haben: „Mache Deine Resonanzerfahrung des Prozesses zum Strukturprinzip Deines Verfahrens.“ Klingt kompliziert, ist es aber nicht.
In meinem Fall z.B. hatte ich eine starke Resonanzerfahrung in Bezug auf die „Menschen auf der Straße“, also die vielen, die schwer definierbare Masse, „alle in Deutschland“. Mir ging über Nacht und am Morgen die Frage nicht aus dem Kopf, warum sie in unserer Matrix so isoliert waren; irgendwie im Zentrum, aber zugleich „nicht so richtig zuzuordnen“. Ich habe mich gefragt, ob das daran lag, dass wir eine gewisse Scheu vor diesem Partizipateur haben, weil er so schwer zu fassen ist und wiederum aus Millionen einzelner Partizipateure zusammengesetzt ist? Oder ob die „Menschen auf der Straße“ einfach nicht interessant sind für die Gruppe oder das Demokratie-Update-Projekt? Mit dieser Frage war für mich eine Art Schmerz verbunden: Etwas in mir sperrte sich dagegen, dass wir ein Konzept entwickeln, in dem die Engagierten, die Unmutigen, die Frustrierten…zwar vorkommen, aber eben nicht „die vielen“. Dahinter steckt auch ein ganz persönlicher Glaubenssatz: „Demokratieprojekte müssen auf möglichst viele Menschen, nicht nur auf eine kleine elitäre Gruppe ausgerichtet sein.“

Es sollte sich herausstellen, dass auch für andere in der Gruppe die Frage nach „privilegiert vs. nicht privilegiert“ eine Rolle spielte. Eng verknüpft mit den Fragen:
Kann ich souverän sein, auch wenn ich nicht privilegiert bin? Bin ich privilegiert, weil ich souverän bin? Oder umgekehrt?
Zwar hatten wir alle unseren individuellen Zugang dazu, dennoch tauchte dieses Spannungsfeld immer wieder auf: Eine teilnehmende Person berichtete zum Beispiel, dass sie derzeit einfach komplett überfordert damit fühle, sich zu allen anderen Alltagssorgen auch noch für die Demokratie zu engagieren. Eine andere Person betonte, dass es immer auch strukturell bedingt sei, wenn einzelne sich politisch nicht einbringen können oder wollen. Eine weitere Person machte deutlich, dass sie sich in ihrem Engagement nicht ausbremsen lassen wolle, nur weil die Aktiven auch als privilegiert gelten könnten.
Wir hatten als Gruppe mit Blick auf die Demokratieentwicklung eine starke Resonanzerfahrung zum Thema „souverän vs. nicht privilegiert.“ Also haben wir an dieser Frage weitergearbeitet und sie in alle weiteren Planungen und Übungen mit einbezogen. Grundlage dafür war auch die Überzeugung, dass das, was ein Individuum wahrnimmt, auch auf größere Zusammenhänge schließen lässt. Und dass übergeordnete Prozesse (z.B. Konflikte innerhalb der Demokratie) wiederum auf jede einzelne Person wirken und daher auch von jedem Individuum gespiegelt werden können. Der Begriff dafür ist Transpersonalität. Das Gefühl „überfordert“ zu sein kann sich zum Beispiel im eigenen Alltag abbilden, aber auch mit Blick auf das politische System in Deutschland oder das Erleben großer Krisen wie der Klima- oder Coronakrise.
Innere Haltung: Ausgehen von Resonanz als Prozessgrundlage und Transpersonalität
7 Die Krise als Teil Prozess begrüßen
Im Verständnis des IPG vollzieht sich Transformation/Entwicklung in vier Phasen[1]: Resonanz, Krise/Transformation, Kokreation, Kultivierung. Für mich war eine wichtige Erkenntnis, dass die Krise nicht als „Unfall“, sondern als Entwicklungschance verstanden wird. Krisen sollten also eher begrüßt statt abmoderiert werden, auch wenn sie ganz schön unbequem sein und sich eng anfühlen können.
In unserer Gruppe waren wir am Abend des dritten Tages so richtig festgefahren. Statt an Hand einer Zeitschiene spielerisch das Demokratie-Update zu planen, hielten wir uns lange an der Frage auf „Wie lang darf die Veranstaltung überhaupt dauern und wann darf sie stattfinden?“ Einige empfanden einen achttägigen Kongress als ausschließend: Bestimmte Personen und Gruppen hätten von vorneherein gar nicht die Chance, teilzunehmen. Es fehle ihnen schlicht an Zeit, Geld, Wissen…Andere argumentierten, dass ein wirklich tiefer Veränderungsprozess schon mehrere Tage bräuchte und dass man diesen nicht von vorneherein durch Einschränkungen blockieren solle. Und so weiter…wir waren müde und etwas ratlos. Zugleich aber in der Annahme, dass auch diese Krise notwendig und letztlich hilfreich sein würde.

Einen Ausweg brachte ein „Open Forum“ am nächsten Vormittag: Eine Art Aufstellung im Raum, bei der jede:r Beteiligte entweder in die Rolle „nicht privilegiert“ oder in die Rolle „souverän“ schlüpfen konnte. Diese beiden Gruppenstanden sich im Raum gegenüber Dazwischen befand sich ein vorgestellter Graben oder Fluss. Diejenigen, die gerade keine der beiden Rolle einnahmen, saßen im Kreis um die anderen, um zu beobachten und den Raum zu halten. Jede:r konnte jederzeit Platz und Rolle wechseln.
Wir erlebten einen bewegenden und teils sehr emotionalen Prozess. Ausgesprochen wurden (sinngemäß, nicht wörtlich!) z.B. Sätze wie „Ich fühle mich hier auf der nicht-privilegierten Seite aber auch ganz sicher. So richtig viel Lust habe ich gar nicht, in die Verantwortung zu wechseln.“ „Ich fühle mich auf der souveränen Seite privilegiert und habe da fast ein schlechtes Gewissen.“ „Ich fühle mich gar nicht so frei, wie ihr auf der nicht-privilegierten Seite denkt.“ „Ich bin eigentlich frei in meiner Entscheidung, mich eben nicht um die große Politik, sondern um mein eigenes Leben zu kümmern.“ „Ich habe große Sehnsucht nach Verbindung zwischen diesen beiden Seiten. Ich will mich da gar nicht so fest zuordnen.“ „Du da drüben auf der scheinbar privilegierten Seite bist gar nicht souverän.“ Der Austausch fand in dem Moment ein Ende, wo sich zeigte, dass „souverän“ nicht mit „privilegiert“ oder „nicht-privilegiert“ verbunden sein muss. Sondern „souverän“ hat eine dritte, ganz eigene Qualität hat. Es geht dabei weniger um äußere Umstände als um eine innere Haltung und ein Selbstverständnis.
Als Beobachterin des Prozesses ist bei mir vor allem unsere gemeinsam gefundene Erkenntnis hängen geblieben: Wenn wir für Momente der Ruhe und Souveränität sorgen, können sowohl Personen erreicht werden, die auf den ersten Blick privilegiert scheinen (also z.B. Aktivist:innen und Gutverdiener:innen und Politiker:innen) als auch Menschen, die auf den ersten Blick nicht privilegiert scheinen (z.B. Mütter/Väter/pflegende Personen mit wenig Zeit/Geld, anderem kulturellen Hintergrund, niedrigerer Bildung). Ganz praktisch ergibt sich daraus für das Demokratie-Update die Frage, wie man die Menschen, die nicht mehrere Tage vor Ort sein können oder wollen, einschließt, ihre Stimmen hörbar macht, sie mit abbildet, ihnen die Mitgestaltung auch an einzelnen Punkten ermöglicht…Dazu entwickelte die Gruppe in der kreativen Phase nach unserer kleinen Krise eine ganze Reihe von Ideen.
Methode: Open Forum

Fazit: …und zweitens als DENKT
Meine Bauchschmerzen in Bezug auf das „Elitäre“ waren am Ende der Ausbildungswoche tatsächlich verschwunden. Inzwischen sehe ich gangbare Wege, um eine Vollversammlung bzw. einen Demokratie-Update-Prozess so zu gestalten, dass wirklich potentiell alle[1] mitgenommen werden können. Ganz abgesehen von der inhaltlichen Beschäftigung mit dem Demokratie-Update-Projekt nehme ich für mich mit: Trust the process! Auch wenn Du Dich an manchen Stellen ohnmächtig, überwältig, allein auf einsamem Posten fühlst – in einem guten Prozess kann dieser Moment überwunden werden und eine Lösung entstehen, die für alle Beteiligten stimmig ist.
Ich nehme außerdem mit: Es gibt nicht DIE richtige Methode oder DAS Format, um die Herausforderungen unserer Zeit anzugehen. Letztlich ist die innere Haltung und das WIE entscheidender als das WAS. Ich komme zurück zu einem für mich eher positiv besetzen Glaubenssatz: „Erstens kommt es anders. Und zweitens als man denkt.“ Diese Großeltern-Weisheit hat sich in der Woche Cocrearos-Basecamp für mich bestätigt. NATÜRLICH kommt es anders als man DENKT. Vor allem dann, wenn es um besonders aufgeladene Themen geht oder um Fragen, die viele Menschen bewegen.
Konflikte und aufwühlende Themen werden eben nicht nur GEDACHT, sondern auch GEFÜHLT und meist bis in den Körper hinein wahrgenommen. Damit gilt es zu arbeiten.
Je besser diese verschiedenen Ebenen miteinander verzahnt sind, und je offener darüber kommuniziert werden kann, desto besser, schöner und irgendwie auch wahrer werden der Prozess und die Ergebnisse.
[1] Damit meine ich: „Alle, nicht jeder.“ (angelehnt an den Demoskopie-Klassiker von Elisabeth Noelle-Neumann): Es geht natürlich nicht darum, dass wirklich alle 83 Millionen Menschen in Deutschland an einer Demokratienentwicklungs-Woche teilnehmen, sondern darum, dass grundsätzlich alle eingeladen sind und eine realistische Teilnahmemöglichkeit haben.
[1] Zum Feld-Prozess-Modell: Jascha Rohr: Die große Kokreation. Eine Werkstatt für alle, die nicht mehr untergehen wollen. Murmann. 2023. Oder zusammengefasst (allerdings Englisch): https://www.partizipativ-gestalten.de/the-field-process-model/ Oder als Video: https://youtu.be/Bs9Kb8WN6pA?si=AW8mvlPhPyv6jLoN