Die Landtagswahlergebnisse vom vergangene Wochenende, die vielen Menschen Sorgen bereiten, sind nur die Spitze des Eisbergs. Wir leben in einer schwierigen und krisengeschüttelten Welt. Und sie wird nicht einfacher, so sehr man sich das auch wünschen mag und so sehr einige falsche Propheten das auch versprechen mögen. Doch es gibt Hoffnung! Denn wir können trotz aller Krisen möglichst selbstbestimmt – und damit auch hoffnungsvoll – durch diese Welt gehen.
Dabei müssen wir gut damit umgehen, dass viele Menschen im „Überlebensmodus“, einer Art anhaltendem Stress- und Spannungszustand, sind. Eine Voraussetzung, um sozial aktiv und kreativ zu sein, ist ein entspanntes Nervensystem – deshalb sollten wir uns darum kümmern, wenn wir die Demokratie retten wollen.
Die Stimme erheben – gar nicht selbstverständlich
„Ich habe gerade nichts zu sagen.“ Das war ein Grundgefühl bei mir in den letzten Wochen und deshalb habe ich das Schreiben aufgeschoben. Dabei fühle ich mich selbstbestimmt, selbstwirksam und in der Regel einfach gut, wenn ich schreibe. Schreiben ist für mich eine kreative Handlung, so wie für andere vielleicht malen, tanzen, etwas bauen oder pflanzen. Obwohl ich weiß, wie gut es mir tut, konnte ich die Energie dazu nicht aufbringen. Zugleich ist ganz langsam ein Gefühl der Unzufriedenheit gewachsen, weil ich es „nicht gebacken bekomme“ und weil mich – zumindest in meiner Wahrnehmung – die äußeren Umstände oder andere Personen mit ihren Bedürfnissen daran gehindert haben.
Szenenwechsel: Landtagswahlen 2024
Am vergangenen Wochenende waren Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen. Rund ein Drittel derjenigen, die wählen gegangen sind, haben denjenigen, die gerade politische Verantwortung tragen, eine Ohrfeige erteilt. Wenn man die Wahlergebnisse für die AfD und das BSW zusammenfasst, haben in Sachsen mehr als 40 Prozent und in Thüringen sogar fast die Hälfte der Wählenden NEIN zu den „herrschenden Verhältnissen“ gesagt. Knapp ein Drittel der Wahlberechtigen in beiden Ländern haben einfach gar nichts gesagt – und damit denjenigen in die Hände gespielt, die mal so richtig auf den Tisch hauen wollen. Man kann das, was gerade passiert, speziell auf Ostdeutschland beziehen und mit verschiedenen Rahmenbedingungen erklären: Zu schwache oder zu zerrissene Regierungen in den Ländern und auf Bundesebene …eine neue Protestpartei mit populärer Frontfrau…ein durch Westdeutschland nach der Wiedervereinigung „verohnmächtiger“ Osten…[1] Das alles ist schlüssig und zutreffend.
Man kann aber auch eine Ebene tiefer schauen. Das Grundgefühl, das viele AfD-Wählerinnen und Wähler offenbar verbindet, hat zu tun mit „nicht gehört werden“, „etwas nicht sagen dürfen“, „benachteiligt sein“, „ohnmächtig sein“, „niemand kümmert sich um meine/unsere Probleme hier vor Ort“.[2] Daraus kann Angst erwachsen, bis hin zu Existenzangst. Und auf diesem Boden wiederum gedeihen Wut und Abwehr gegen „die anderen“ oder „das andere“, also Fremdes ganz allgemein – seien es nun andere Kulturen, andere Lebensstile oder „Ausländer und Flüchtlinge“. Da nützen auch keine rationalen Erklärungen, Statistiken oder Gegenbelege. Wann werden Menschen so, dass sie mit Argumenten nicht mehr erreichbar sind und zugleich Lust darauf haben, „Denkzettel zu erteilen“ oder es wem auch immer „einfach mal zu zeigen“? Jedenfalls nicht dann, wenn sie sich erfüllt und zufrieden fühlen oder denken, dass sie ihr Leben im Griff haben.

Im Überlebensmodus ist niemand kreativ
Zurück auf die persönliche Ebene: Eng verknüpft mit dem Lebensgefühl „nichts zu sagen haben“ ist bei mir selbst das Lebensgefühl „einfach zu viel zu tun haben“ oder „sich um zu viele andere Dinge kümmern zu müssen“. Bei anderen ist es vielleicht das Gefühl „Ich kann ja eh nichts ausrichten“ oder „Ich werde ja doch wieder übergangen“. Ich jedenfalls befinde mich zeitweise in einer Art gefühltem „Überlebensmodus“. Ähnliches nehme ich auch bei anderen wahr. Den Begriff „Überlebensmodus“ haben die Prozessbegleitungs-Expertin Ruth Beilharz und ich neulich in einem Gespräch über ein gemeinsames Projekt gefunden. Wir meinen damit das Phänomen, dass manchmal das eigene Engagement und die Gefühle der Selbstwirksamkeit und Selbstwertschätzung regelrecht gelähmt sind. Die Gründe für diese Lähmung könne vielfältig sein: Schwer zu verarbeitende Ereignisse wie der Verlust einer geliebten Person oder der Arbeitsstelle; schwierige Erfahrungen und mangelnde Bindung in der Kindheit; praktische Anforderungen wie die Betreuung kleiner Kinder, Alleinerziehend-Sein, die Pflege eines Angehörigen; ständige Auseinandersetzung mit Klimakrise oder Krieg; krasse und plötzliche Veränderungen der Lebensrealität wie sie z.B. mit der Corona-Pandemie oder für Menschen in Ostdeutschland mit der Wiedervereinigung einhergingen…Wie sich ein länger anhaltender Überlebensmodus auf ganze Bevölkerungsgruppen auswirkt, beschreibt anschaulich J.D. Vance am Anfang seiner Autobiographie „Hillbilly-Elegy“ über die weiße Unterschicht im „rust belt“ der USA.[3] Mit geht es hier nicht darum, unkonstruktive oder radikale Einstellungen zu rechtfertigen, sondern zu verstehen, was möglicherweise dahinterliegt.
Zuviel Druck schadet der Demokratie
In solchen Überlebensmodus-Situationen schafft man es im guten Fall noch, seiner Erwerbsarbeit nachzugehen, seine Familie am Laufen zu halten und wenn es ganz gut läuft ein Ohr für Freundinnen und Freunde zu haben – aber darüber hinaus noch selbst kreativ werden und etwas erschaffen? Nein, danke! Marina Weisband beschreibt das in ihrem Buch „Die neue Schule der Demokratie“ so: „Normalerweise funktionieren Negativreize leichter, weil wir Menschen energiesparende Wesen sind. Wir wollen verbessern, was nicht passt, wollen Gefahren abwenden. Wir investieren selten Kalorien, um einfach irgendwas mal auszuprobieren. Das tun nur wenige Menschen, die über sehr viel äußere oder innere Ressourcen verfügen, also Geld oder psychische Stabilität.“[4]
Ich würde die Gruppe derjenigen ohne Ressourcen sogar noch weiter fassen: Druck – ob nun äußerer Druck durch viele Anforderungen oder innerer Druck, z.B. durch existenzielle Sorgen – hindert uns am Entfalten. Ob ich nun in Freundeskreis, Arbeitsleben, Hausgemeinschaft, Familie schaue: Diejenigen, die viel „zu schultern“ haben, sind in der Regel nicht diejenigen, die gestalten, neue Projekte anstoßen und sich mit anderen vernetzen. Sie sind auch nicht diejenigen, die das große Wort führen, ihre Gedanken sammeln und der Welt zur Verfügung stellen.

Mit Blick auf unsere Demokratie ist das eine krasse Erkenntnis: Es gibt eine beträchtliche Zahl von Menschen kann sich zwar pro forma einbringen, weil sie berechtigt ist, z.B. eine Bürgerinitiative zu starten, sich einer Partei anzuschließen oder in einer Stadtteil-Initiative mitzumachen. Aber de facto haben eben viele Menschen keine Ressourcen dazu.
Und diese Menschen kommen nicht einmal unbedingt aus dem „unsichtbaren Drittel“[5]. Auch der Akademiker mit psychischen Problemen und die gutverdienende und ausgebildete Fachangestellte, die ihren kranken Vater pflegt, haben höchstwahrscheinlich keine Ressourcen, sich demokratisch zu engagieren.
Exkurs: Stress lässt sich nicht intellektuell lösen
Nun kann man sich natürlich um solche Menschen bemühen, sie immer wieder einladen, sagen, dass ihre Position erwünscht ist, ihnen Beteiligungsmöglichkeiten vorstellen, Handreichungen geben usw. Das rein rationale Wissen um unsere Möglichkeiten führt aber noch lange nicht dazu, dass wir uns tatsächlich sozial eingebunden und selbstbestimmt fühlen. Wenn wir Zugehörigkeit und Selbstbestimmung gerade nicht erleben, dann ist sie für uns auch nicht wahr. Warum das so ist, lässt sich mit Blick auf unser Nervensystem erklären:
Soziales Engagement, Zugewandtheit zu anderen und Kreativität setzen voraus, dass wir offen sind. Wenn wir uns in Gefahr befinden, also im Flucht- oder Kampf-Modus oder wenn wir darüber schon hinaus sind und uns in einer Art Schockzustand befinden, dann sind wir nicht offen.
Es sind dabei entwicklungsgeschichtlich sehr alte Hirnareale im Spiel und diese reagieren auf Bedrohung. Dabei ist es egal, ob die Bedrohung gefühlt ist, etwa durch „Fremdes“ , oder ob sie echt ist, etwa durch einen Säbelzahntiger. Es gibt mittlerweile zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse zum Vagusnerv,[6] der den größten Teil unseres parasympathischen (= für Entspannung zuständigen) Nervensystems ausmacht. Er beginnt im Hirnstamm und ist über viele Verzweigungen mit fast allen inneren Organen verbunden, beeinflusst Muskeln und Faszien. Ist dieser Nerv in gesunder Weise aktiv, dann beruhigt er unser Körpersystem, stärkt unsere Resilienz und verbessert unseren Umgang mit Stress. Ist der Nerv in einem schlechten, also nicht aktivierten, Zustand führt das u.a. zu Gereiztheit, Unsicherheitsgefühl, Verstimmung, Lustlosigkeit bis hin zu Angststörungen oder Depression. Der Vagusnerv kann leicht aus dem Gleichgewicht geraten, z.B. schon bei intensiven negativen Gedanken. Er kann allerdings auch relativ leicht wieder ins Gleichgewicht gebracht werden, z.B. durch simple Atemtechniken, bestimmte einfache Körperbewegungen oder auch Klopfübungen. Allerdings: Die Voraussetzung ist, dass man ein Grundverständnis für das eigene Nervensystem hat und sich regelmäßig darum kümmert. Immer mehr Menschen, die sich mit Bewusstsein, Heilung und ganzheitlichem Wissen beschäftigen, nutzen diese Erkenntnisse bereits, z.B. für ihre Yogapraxis, Traumaarbeit, Körperarbeit…Ich meine, dieses Wissen gehört raus aus der Therapie- und Alternativ-Szene und rein in den Alltag. Es gehört sogar meiner Ansicht nach in demokratische Veranstaltungen.
Wie lässt sich das Nervensystem in die Demokratiearbeit integrieren?
Wir wissen, dass körperliches Wohlbefinden und ein entspanntes Nervensystem dazu beitragen, dass wir besser mit anderen in Kontakt treten und überhaupt neugierig und kreativ sein können. Ganz praktisch heißt das: Es ist sinnvoll, vor Beginn einer Debatte ein paarmal tief durchzuatmen. Es ist sinnvoll, sich während eines langen Sitzungstags immer wieder so zu bewegen, dass der Körper und das Gehirn wieder mit neuer Energie versorgt werden und Verspannungen gelöst werden. Es kann auch sinnvoll sein, während der Entwicklung eines neuen Projekts eine Gedankenreise zu machen und sich mit den eigenen inneren Bildern zu verbinden. Das ist kein blumiger Hippie-Schmuck, sondern ein mit Blick auf die Hirn- und Verhaltensforschung vernünftiges Vorgehen. Vor diesem Hintergrund haben wir z.B. auf längeren Mehr Demokratie-Veranstaltungen oder beim Bürgerrat Ernährung mit bewegten Pausen. Einige Beteiligungsinstitute wie etwa das IPG nutzen bereits entsprechende Ankommens-Übungen und Kreativtechniken für ihre Prozesse. Die Herausforderung dabei ist, möglichst viele Menschen mitzunehmen und Übungen so anzuleiten, dass sie nicht „esoterisch“, sondern ganz praktisch und alltagsnah daherkommen.

„Die Couch ist zu klein…“ – Ruth Cohn und die Idee der Gesellschaftstherapie
Ruth Cohn, die Begründerin der „Themenzentrierten Interaktion“ (TZI) hat es schon vor Jahrzehnten nach dem Durchleben des Nationalsozialismus formuliert: „Es muss doch etwas geben, das wir dem Grauen der Welt entgegensetzen können. Kleine Schritte, kleine Richtungsänderungen.“ Und: „Menschen müssen sich selbst und andere verstehen lernen. […] Die Couch ist zu klein. Was wir brauchen, ist eine Gesellschaftstherapie.“[7] Ihr Konzept der TZI setzt u.a. darauf, dass Menschen Sinne, Gefühle und Gedanken zum Verständnis von sich selbst nutzen und dass Störungen (körperlicher, emotionaler und rationaler Art, aber auch äußere Gegebenheiten physischer, ökologischer, sozialer, politischer Art) beachtet werden, weil sie sonst Lernen, Arbeit und Wachstum verhindern.[8]
Ich stelle die These auf: Wir haben aktuell eine Nervensystemkrise, denn viele individuelle Nervensysteme sind beeinträchtigt – und damit auch unser kollektives Nervensystem. Solange sich Menschen nicht um ihr eigenes Nervensystem kümmern (können) und wir uns nicht um die Nervensysteme von anderen kümmern, bringen Veränderungen im Außen immer nur vorrübergehend Erleichterung. Ganz konkret: Sicherheit, und Wohlstand im Sinne von Wohlbefinden werden wir nicht erreichen, weil eine neue Partei and die Macht kommt. Die Partei wird vielleicht einiges ändern, zum Vorteil der einen und Nachteil der anderen. Aber sie kann nicht alles richten.
Niemand und nichts kann und wird alles richten, denn wir leben in einem Zeitalter von sich überlagernden Krisen: Klimakrise, Pandemien, Arm- und Reich-Schere…Wenn sich da etwas lösen und richten lässt, dann nur über sehr lange Zeiträume hinweg, ganz sicher nicht innerhalb von Legislaturperioden. Aber genau das ist es, was Parteipolitik absurderweise verspricht.
Die Riesen-Herausforderung einer krisengeschüttelten Zeit besteht darin, trotzdem ein positives Leben zu führen, trotzdem überhaupt weitermachen zu können, trotzdem sich selbst und anderen zugewandt zu bleiben. Man kann das Schadensbegrenzung nennen – von Schäden, die wir Menschen größtenteils selbst verursacht haben, weil die allermeisten von uns mit der Welt, unseren Mitmenschen und anderen Lebewesen so umgehen, wie wir es derzeit tun. Oder man kann es wie die Ökoaktivistin und Systemtheoretikerin Joanna Macy „active hope“ nennen, aktive Hoffnung.

„Aktive Hoffnung“ – Joanna Macy und das Wieder-Verbinden
Macy hat das Konzept aus ihrer Arbeit gegen die Klimakrise heraus entwickelt, die sie zeitweise regelrecht zur Verzweiflung trieb. Active hope bedeutet, eben nicht davon auszugehen, dass alles gut wird. Im Gegenteil: Es bedeutet, sich erstmal einzugestehen, wie tief die Krise wirklich ist. Macys Antwort auf scheinbar unlösbare und fast unerträgliche Krisen ist die „spiral of reconnection“ (etwa: Spirale, die wieder verbindet):
- Schritt einst besteht darin, sich in der Dankbarkeit zu verankern für alles, was trotz aller widrigen Umstände gut, schön und wahr ist.
- Darauf folgt das Anerkennen des Schmerzes darüber, dass etwas Gutes, Schönes, Wahres beschädigt wird, endet oder zerstört wird. Das kann sich z.B. darauf beziehen, dass wir Menschen die Erde ausbeuten und Lebensräume zerstören. Es kann sich aber z.B. auch auf die eigene Endlichkeit und den Verlust geliebter Menschen beziehen.
- Schritt drei ist das „Aus neuem Blickwinkel schauen“ – z.B. sich bewusst zu machen, wie indigene Gemeinschaften die Natur verstehen und mit ihr umgehen. Oder von jemandem zu hören, der einen guten Weg gefunden hat, mit seiner Depression umzugehen.
- Schritt vier ist das „Ins Handeln Kommen“. Also trotz multipler Krisen weder zu verzweifeln noch zu verdrängen, sondern einzelne, vielleicht nur kleine, sinnvollen Schritte zu unternehmen, die die Gesamtsituation in die richtige Richtung bewegen. Ganz konkret kann das heißen: Anstatt an immer häufiger werdenden Dürresommern zu verzweifeln, beginnt man gemeinsam mit Nachbarn einen Gießdienst für die Straßenbäume zu entwickeln, um wenigstens die Temperaturen im Kiez erträglich zu halten. Oder: Auch wenn sich in meinem Heimatdorf immer mehr Menschen ausländerfeindlich äußern, berichte ich in privaten Gesprächen von meinen Bekannten und Freund:innen mit Migrationshintergrund – und werde damit zur Zeugin dafür, dass es auch andere Lebensrealitäten gibt.
Und hier sind wir wieder bei der Selbstwirksamkeit.
Wir leben in einer schwierigen und krisengeschüttelten Welt. Und sie wird nicht einfacher, so sehr man sich das auch wünschen mag und so sehr einige falsche Propheten das auch versprechen mögen. Aber wir können trotzdem möglichst selbstbestimmt – und damit auf hoffnungsvoll – durch diese Welt gehen.
Und nochmal: Die Voraussetzungen dafür sind ein zumindest halbwegs gesundes Nervensystem, eine gewisse Grund-Entspanntheit und eine gewisse Energie. Zunächst müssen Menschen aus dem Überlebensmodus und dem Dauer-Stress herauskommen in einen sozial aktiven Modus.
Drei hoffungsvolle Ansätze
Ich möchte hier drei Ansätze benennen, die den Alltag vieler Menschen und unser Zusammenleben etwas besser machen könnten. Ich schreibe bewusst nicht „die Demokratie retten“, denn das wäre vielleicht eine Folge oder der nächste Schritt. Aber erstmal geht es ganz banal darum, einfach besser im Alltag zurechtkommen, sich besser zu fühlen, ein erfüllteres und erfolgreicheres Leben zu führen, besser mit anderen Menschen umgehen zu können, auf Herausforderungen konstruktiver reagieren zu können. Im ersten Schritt ist es wahrscheinlich auch nur eine Gruppe privilegierter Menschen, die sich darum kümmern kann. Aber diese können im zweiten Schritt Multiplikator:innen werden und ihre Erfahrungen und Erkenntnisse auch an andere weitergeben.
1. Für Sicherheit und Entspannung sorgen: Das gilt zunächst für jeden einzelnen Menschen. Eine Voraussetzung für Heilung ist es, anzuerkennen, dass etwas nicht heil ist, dass etwas ungesund, kaputt, verletzt ist. Was für ein unangenehmer, geradezu skandalöser Gedanke, zunächst mal auf Verletzungen und Unstimmigkeiten zu schauen. Vielleicht sogar auf die eigenen! Aber nötig ist es trotzdem. Was es dafür braucht, kann nur jede:r für sich klären: Vielleicht ist es Therapie, vielleicht sportliche Aktivität, vielleicht Austausch mit anderen, vielleicht Rückzug in die Stille. Wer mit sich im Reinen und entspannt ist, kann auch anderen Menschen helfen, sich zu entspannen, kann sichere Räume bieten. Und ganz wichtig: Niemand muss vollständig geklärt oder erleuchtet sein, um damit anzufangen. Ich persönlich finde es viel motivierender, wenn auch gerade Menschen in Verantwortung ihre Schattenseiten, Herausforderungen, Schwächen benennen – und weitervermitteln, wie man damit umgehen kann.
2. Neue Geschichten erzählen: Die Geschichten und Interpretationen von Wirklichkeit, die wir uns und anderen erzählen, sind oft entscheidender als die Fakten. Die gleiche Faktenlage kann sich je nach Blickwinkel und Geschichte völlig anders darstellen. Ich kann die Wahlergebnisse vom Wochenende als Tiefpunkt unserer Demokratie und die aktuelle Situation als düster und ausweglos schildern. Ich kann aber auch ganz nüchtern davon ausgehen, dass die Wahlen einfach ein Spiegel dessen sind, was in der Gesellschaft schon länger schwelt. Oder ich kann sagen: Aha, das demokratische System, wie es sich jahrzehntelang bewährt hat, trägt offenbar nicht mehr. Zum Glück gibt es neue hoffnungsvolle Ansätze, und Bürgerräte sind nur ein Beispiel dafür, wie es besser gehen kann.[9]
3. Alltagstaugliche Selbstwirksamkeits-Erlebnisse schaffen: Wir können Methoden und Formate ausprobieren, die nah am Alltag der Menschen sind. Ein solches Format ist zum Beispiel „Sprechen & Zuhören“[10] – jede:r kann mitmachen, man muss nichts Besonderes können oder wissen, die Menschen dürfen und sollen aus ihren persönlichen Erfahrungen heraus sprechen. Dadurch fühlen sie sich selbst besser verstanden und verstehen zugleich andere besser.
Ein weiteres Beispiel ist das in Dänemark entwickelte Democracy Fitness Training[11], das beim Gedanken des Muskeltrainings ansetzt. Wenn man gesund bleiben will, sollte man seine Muskeln hin und wieder trainieren. Das ist anschlussfähig und für die meisten Menschen aus ihrem Alltag heraus nachvollziehbar. Warum nicht auch Demokratiemuskeln trainieren, z.B. den Kompromissfindungs-Muskel oder den Aktivierungs-Muskel? Und jedes Training dauert nur eine halbe Stunde und ist damit auch für vielbeschäftigte Menschen machbar.
Das Aula-Beteiligungskonzept[12], das vor allem in Schulen angewandt wird, ist auch so ein Ansatz: Ideenfindung, Diskussion und Abstimmung werden mit Hilfe von Aula in den Schulalltag integriert. Zunächst sehr niedrigschwellig und digital, so dass auch die zurückhaltenderen und weniger selbstbewussten Menschen mitmachen können. Später wird das Eintreten für die eigene Position geübt. Die Kinder und Jugendlichen beschäftigen sich also mit selbst gewählten Themen mit Bezug zu ihrem Alltag. Und machen damit zugleich noch Selbstwirksamkeitserfahrungen, die sie für das ganze Leben stärken.
Geloste Bürgerräte sind da natürlich zeitaufwändiger. Durch das Losverfahren bieten sie allerdings die Möglichkeit, auch solche Menschen für intensive Diskussions- und Lösungsfindungsprozesse zu erreichen, die sich sonst nicht politisch beteiligen. Besonders effektiv ist das mit „aufsuchender Beteiligung“: Diejenigen, die sich nicht von allein zurückmelden, werden direkt an ihrer Haustür eingeladen.
Diesen Methoden, Formaten und Konzepten ist gemeinsam, dass sie nicht nur für Engagierte und politisch gut Gebildete geeignet sind, sondern dass sie Menschen dort abholen, wo sie aktuell stehen.

Fazit
Ob wir, die wir heute aktiv sind, die Demokratie retten können, weiß ich nicht. Aber wir können Schritte in die richtige Richtung unternehmen. Es ist sinnvoll, jedem Menschen Respekt entgegenzubringen und immer wieder zu versuchen, sich in andere hineinzuversetzen. Es ist sinnvoll, an sich selbst zu arbeiten, großzügig mit sich zu sein, immer wieder neu anzufangen, auch wenn man gescheitert ist. Es ist sinnvoll und hoffnungsvoll, niedrigschwellige, alltagstaugliche, nicht-exklusive und für verschiedene Typen und Bedürfnisse anwendbare Methoden und Formate auszuprobieren. Es ist sinnvoll, dabei das Nervensystem zu berücksichtigen. Es klingt komisch, aber vielleicht fängt die Rettung der Demokratie ganz einfach mit Entspannung an.
[1] Einige Interpretationsansätze und Vorschläge z.B. hier https://www.rnd.de/politik/landtagswahl-thueringen-2024-fuenf-gruende-warum-das-land-so-gewaehlt-hat-7C7SFNQ35FDCLNCKI5MFRNLFUY.html, https://www.zdf.de/nachrichten/politik/deutschland/lehren-landtag-thueringen-sachsen-wahl-100.html, https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/landtagswahlen-interview-100.html
[2] ARD-Umfrage zu Einstellungen im Zusammenhang mit der AfD: https://www.tagesschau.de/wahl/archiv/2024-09-01-LT-DE-SN/umfrage-afd.shtml
[3] J.D. Vance: Hillbilly-Elegy. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise.
[4] Weisband, Marina: Die neue Schule der Demokratie. Argon Hörbuch. Kapitel 85.
[5] Laut einer Studie der Organisation „More in common“ ist die Gesellschaft in sechs Typen unterteilt. Das unsichtbare Drittel besteht aus den Pragmatischen und den Enttäuschten, die sozial und politisch nicht gut eingebunden sind. https://www.dieandereteilung.de/
[6] Für Grundlagen und vertieftes Wissen rund um den Vagusnerv empfehle ich Stanley Rosenberg: Der Selbstheilungsnerv: So bringt der Vagusnerv Psyche und Körper ins Gleichgewicht. Sowie: Stephen Porges: Die Polyvagal-Theorie und die Suche nach Sicherheit. Siehe auch hier: https://polyvagal-akademie.com/theorie
[7] Kurzes Erklärvideo zu Ruth Cohn: https://youtu.be/1pt5gqjFypw?si=yj1mfvWwM_v0VfCu
[8] Überblick über TZI: https://www.ruth-cohn-institute.org/files/content/zentraleinhalte/dokumente/TZI-Broschuere/WAS-IST-TZI.pdf
[9] Mein Kollege Thorsten Sterk zeigt auf www.buergerrat.de unter Verweis auf etliche Quellen, wie eine solche andere Geschichte mit Blick auf die Wahlergebnisse aussehen kann: https://www.buergerrat.de/aktuelles/ein-labor-fuer-buergerbeteiligung/
[10] https://www.mehr-demokratie.de/mehr-wissen/demokratische-kultur/sprechen-zuhoeren