Mit Yoga auf die Straße…und in die Politik

Stell Dir vor, Du sitzt mit einer Gruppe von Yoga-Leuten frühmorgens auf einer Brücke und meditierst und singst – und hinter Dir wird von der Polizei eine Straßenblockade geräumt.

So geschehen am 11. Oktober an der Jannowitzbrücke (und zu anderen ähnlichen Gelegenheiten im Rahmen von Extinction Rebellion-Aktionen im Oktober 2019). Was soll das? Warum kommen Leute darauf, Yoga-Techniken, die ja viel mit „Zu-sich-selbst-Kommen“, „Den-Geist-Beruhigen“ und „Still-Werden“ zu tun haben, in den öffentlichen Raum, in den politischen Raum zu tragen?

When the time is on you, start, and the pressure will be off.

— Yogi Bhajan.
Friedliche Besetzung der Marschallbrücke im Rahmen der Rebellion Week zum Thema Klimaschutz

Warum kommen politische Bewegungen darauf, zu singen und zu meditieren, während sie handfeste Forderungen vertreten und mit zivilem Ungehorsam gegen politische Entscheidungen (oder Nicht-Entscheidungen) aufbegehren? Meine These ist, dass sich Teile der Yoga-Community und Teile neuer politischer Bewegungen gerade aufeinander zubewegen. Weil sie eine gemeinsame Grundidee haben:

Wir stehen nicht nur als Individuen in der Welt, sondern sind auch miteinander verbunden. Wir sind für uns selbst und für das Ganze verantwortlich und weltweit vernetzt – das erfordert Nachhaltigkeit im Großen und im Kleinen als Gegenkonzept zum Prinzip „Höher-Schneller-Weiter“.

Wir brauchen neue, nachhaltigere Formen des Zusammenlebens und der Politik. Politik ist ja letztlich nichts anderes als der Raum, in dem wir die Regeln und Leitlinien für unser Zusammenleben gestalten. Kundalini-Yoga als Yoga des Bewusstseins und der Selbstwahrnehmung ist ein guter Begleiter auf dem Weg zu einer ganzheitlicheren Politik. Das hat nichts mit Abgehoben-Sein oder Weltfremdheit zu tun. Im Gegenteil. Yogi Bhajan, der das Kundalini-Yoga in den Westen gebracht hat, hat immer betont, dass es dabei nicht um einen Rückzug aus der Welt geht, sondern um die Verbindung von alltäglichem Leben und höherem Bewusstsein. Eines der wichtigsten Mantras im Kundalini-Yoga ist „ONG“, der Bezug auf das aktive schöpferische Prinzip, im Gegensatz zum eher kontemplativen „OM“. Man kann sogar noch einen Schritt weitergehen: In seinem Buch „Yoga – Die sanfte Revolution“ beschreibt Sangeet Singh Gill wie Kundalini Yoga dazu führt, sich der Welt, der Gesellschaft und damit auch politischen Fragen zuzuwenden:

„Während viele andere spirituelle oder religiöse Traditionen in einen Abgrenzungsprozess münden, passiert beim Yoga das Gegenteil. Das Außen wir immer wichtiger. Was bisher abgespalten war, wird integriert.“

Sangeet Singh Gill

Klang und Resonanz – Wie sie den politischen Raum beeinflussen

„Jedes Element befindet sich in einem Zusttand fortwährender Schwingung…“

Ein Weg, wie wir mit der Welt um unser herum in Kontakt treten können, ist über Klang, Schwingung und Resonanz. Was steckt dahinter und warum funktioniert das? Im Kundalini-Yoga werden häufig Mantras verwendet. Zur Einstimmung wird zum Beispiel vor jeder Yoga-Stunde dreimal „ONG NAMO GURU DEV NAMO“ gesungen, oder wie man im Yoga sagt gechantet. Es gibt eine Vielzahl von Mantras für alle möglichen Zwecke, etwa zur Heilung, zur Beruhigung des Nervensystems, zur Fokussierung, um die eigene Kraft zu stärken. Direkt übersetzt heißt MAN-TRA „Ausrichtung des Geistes“ – die verwendung von Mantras, ob still oder laut, ist eine Methode, um den Geist zu kontrollieren und zu steuern. Wir erschaffen unsere Wirklichkeit mit jedem Wort, das wir sprechen und mit jedem Wort, das wir denken. Das ist für jeden Menschen nachprüfbar: Es macht einen großen Unterschied, ob ich hundertmal wiederhole „Freude, Freude, Freude…“ oder „Wut, Wut, Wut…“.

Es geht nicht darum „gut singen“ zu können oder „religiös“ zu sein

Mantras können laut gesungen („gechanted“) werden oder nur im Geist schwingen (das kann man sich so vorstellen wie „einen Ohrwurm zu haben“). Im Kundalini Yoga wird oft laut gechanted. Tonhöhe, Rhythmus, Atmung und die Zungenbewegung spielen dabei eine wichtige Rolle. Das muss nicht besonders schön und harmonisch klingen. Anders als beim Singen geht es beim Chanten nicht vor allem um die Wirkung nach außen, sondern um die eigene innere Ausrichtung. Mantras können helfen, mit anderen Menschen, mit dem eigenen Selbst oder mit dem Universum, also dem größeren Ganzen, in Verbindung zu treten.

Jedes Element des Universums befindet sich in einem Zustand fortwährender Schwingung, der sich uns in Form von Licht, Klang und Energie offenbart. […] Durch die Verwendung eines Mantras können Menschen ihr Bewusstsein auf die Wahrnehmung dieser Gesamtheit einstimmen.

Yogi Bhajan

Mantras werden in Religionen genutzt (z.B. HALLELUJAH oder AMEN im Christentum), aber sind per se nichts Religiöses. Bestimmte immer wieder auftauchende Rufe oder Gesänge werden auch in ganz anderen Zusammenhängen genutzt: „Olé, olé, olé, olé…“, „Hop hop hop TTIP Stop…“, „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin…“, „Wir sind das Volk…“, „What do we want – climate justice…“ – die Reihe lässt sich beliebig fortsetzen. Die Wiederholung bestimmter Klänge bewirkt, dass sich die Muster des Geistes verändern – und zwar sowohl physisch (durch biochemische Vorgänge) als auch metaphysisch (durch Konzentration und Ausrichtung des Bewusstseins). Das nutzen auch politisch aktive Menschen, besonders, wenn sie wenn sie als Aktivisten in einer angespannten Situation sind, wenn sie für De-Eskalation sorgen oder die Kraft und Motivation ihrer eigenen Gruppe stärken wollen.

Biochemie: Es wirkt – auch ohne Übersetzung

Es kann helfen, aber es ist nicht ausschlaggebend, die Bedeutung der Mantras zu kennen. ONG NAMO GURU DEV NAMO bedeutet zum Beispiel soviel wie: „Ich grüße die schöpferische Energie und den Weg vom Dunkel zum Licht.“ (GURU ist im Kundalini Yoga nicht als eine hervorgehobene Person zu verstehen, sondern viel umfassender als ein Wissen, das uns verändert, wenn wir es anwenden.) Ein Mantra wirkt auch dann, wenn man die Bedeutung nicht kennt. Das kann man mit bio-chemischen Vorgängen im Körper erklären.

Am Gaumen befinden sich 84 Meridianpunkte, die durch die Bewegung der Zunge beim Chanten aktiviert werden. Sie sind vergleichbar mit den Tasten eines Computers: Je nachdem, welche Tasten angeschlagen wird, wird der Hypothalamus (der Teil des „limbischen Systems“ im Gehirn, das die Verbindung zwischen unseren Gedanken und Gefühlen und dem Rest unseres Körpers herstellt) unterschiedlich angeregt. Der Hypothalamus wirkt auf die Hypophyse (die Hirnanhangdrüse), die wiederum andere Drüsen aktiviert. Die Zusammensetzung der Flüssigkeit, die sich in den Hohlräumen des Gehirns und um das zentrale Nervensystem befindet und die wesentlich für den Hin- und Her-Transport von Stoffen zwischen Nervensystem und Blut ist, ändert sich. Es werden Botenstoffe wie Hormone ausgeschüttet, die uns anders empfinden und denken lassen als zuvor.

Durch diese biochemischen Vorgänge kann Chanten

1. das Nervensystem – den für Ruhe und Entspannung zuständigen Parasympathikus und den für Aktivität zuständigen Sympathikus – beeinflussen

2. die „endokrinen Drüsen“ beeinflussen, die durch Hormone unsere Stimmungen und Befindlichkeiten steuern

3. das Immunsystem aktivieren

4. die Sinne und das zentrale Nervensystem beruhigen, klären, energetisieren.

Soziologie: Menschen brauchen Resonanz

Hören und gehört zu werden, wahrnehmen und wahrgenommen zu werden, gehört zu den menschlichen Grundbedürfnissen. Es ist ein großer Unterschied, ob wir etwas lesen oder hören. Wenn uns jemand direkt gegenübersteht oder auch nur per Telefon oder Videokonferenz zu hören ist, können wir das, was er oder sie ausdrücken will, viel schneller erfassen als per Textnachricht oder Mail. Zugleich wird es schwerer, jemanden zu beschimpfen, zu verurteilen oder auch nur geringzuschätzen, wenn man sich gegenseitig direkt wahrnimmt.

„Menschen sind schon als Babys Resonanzwesen. Sie brauchen Sprache und Stimme als geistige Nahrung, um sich zu entwickeln. […] Dabei werden die Verbindungsphasen zwischen ihren Gehirnzellen angelegt. Je häufiger ein Wort fällt, desto dicker werden die Synapsen, desto schneller können sie den Begriff später wiedererkennen „, schreibt Ute Scheub in ihrem Buch „Demokratie. Die Unvollendete.

Wenn Politik gelingen soll, jenseits von Grabenkämpfen und Besserwisserei, ist es nötig, dass wir uns gegenseitig wirklich zuhören, uns aufeinander einstimmen.

„Eine nichtentfremdete lebendige Welt ist eine resonante Welt, die in uns und mit uns mitschwingt, die viele Antworten, Selbst- und Mitbestimmungsmöglichkeiten bietet. Antworten, die etwas in uns ertönen lassen, kommen von anderen Menschen, aber auch aus Naturerlebnissen, aus künsterlischen, handwerklichen oder spirituellen Erfahrungen…“, erklärt Scheub.

Sie bezieht sich dabei auf den Soziologen Hartmut Rosa und sein Konzept der Resonanz. „Unser Leben gelingt nicht dort, wo wir immer mehr Ressorucen anhäufen, sondern dann, wenn wir auf die richtige Weise auf die Welt, in der wir leben bezogen, sind…wenn wir auf die richtige Weise mit den Menschen, mit den Dingen, mit dem Raum, in dem wir leben und mit uns selbst verbunden sind“, sagt Rosa. Das, was er Resonanz und Gelingen nennt, würden wir im Kundalini-Yoga vielleicht als Wohlstand „prosperity“ (im Gegensatz zu materiellem Reichtum) bezeichnen.

Und was soll das mit politischen Entwicklungen zu tun haben?

Demomstration von Fridays for Future in Berlin zum Globalen Klimastreik am 20.9.19

Es gibt bereits etliche politische Bewegungen, die auf eine neue Art von Nachhaltigkeit setzen. Fridays for Future ist aktuell wohl die bekannteste davon. Es genügt demnach nicht, die äußeren Strukturen (Gesetze, Verordnungen, Institutionen) zu schaffen, damit unser Zusammenleben als Gesellschaft gelingen kann, sondern es geht auch um ein neues Verständnis, eine innere Ausrichtung. Sehr deutlich formuliert das auch Extinction Rebellion, die Bewegung zivilen Ungehorsams, die der Klimakrise eine ganz andere Art des Umgangs mit der Welt, den Mitmenschen und sich selbst entgegensetzen will. „Wir brauchen eine Kultur der Regeneration“ und „Wir stellen uns und unser toxisches System offen in Frage“, schreibt XR unter „Prinzipien und Werte“.

Schwingung, Klang und Resonanz können dabei helfen, sich als Teil der Welt und im Einklang mit der Welt zu erfahren…

…und wenn wir das können, sind Nachhaltigkeit, Rücksichtnahme und „Entgiftung“ viel leichter zu praktizieren. Im Kundalini Yoga gehen wir davon aus, dass ein Klang auch als „Lehrer“ wirken kann, um das zu erfahren, was uns als Menschen mit all unserem schöpferischen (und damit auch zerstörerischem) Potential ausmacht – dieses Prinzip wird Shabad Guru genannt. Wenn wir (wieder) lernen, uns mit der Schwingung des Universums und der Wesen auf der Erde zu verbinden, dann hat der zerstörerische Umgang mit unserem Lebensraum und mit uns selbst ein Ende. Extinction Rebellion formuliert es so:

This is for the Great Song that runs underneath all the melodies, the rhythms of rain and sun, the rhymes of polar ice. We humans sang before we spoke, and we still know the song, though the harmonies are jangled and the melodies flung out of tune.

Extinction Rebellion – Our Vision

Selbst ausprobieren: Meditation zum globalen Klimastreik

3 HO, die von Yogi Bhajan gegründete Organisation, um die von ihm in den Westen gebrachten Lehren des Kundalini Yoga zu verbreiten, trägt drei wichtige Prinzipien schon im Namen: healthy – happy – (w)holy. Die 3 H stehe für einen gesunden, glücklichen und ganzheitlichen Lebensstil. Anlässlich des globalen Klimastreiks am 20. September 2019 hat die Organisation dazu eingeladen, eine 40-Tage-Meditation mit einem bestimmten Mantra (Gaia Shabad) zu praktizieren. Ob allein oder in der Gruppe, es lohnt sich auszuprobieren, was dieser Klang bewirkt. Diese Version finde ich besonders schön, aber es gibt verschiedene und es kommt wie gesagt nicht auf die Melodie, sondern auf die Klangstruktur und die Laute an: Gaia Shabad von Sat Purkh

So funktioniert es: Setz Dich dazu in den Schneidersitz auf eine bequeme Unterlage, schließe die Augen. Richte Dich gerade auf, als ob Du am Scheitel einen Faden hättest, der Dich nach oben zieht, und nimm ein paar lange tiefe Atemzüge. Lass dabei zuerst Deinen Bauch rund werden und weite Rippen und Brustkorb, dann atme zuerst wieder aus dem oberen Bereich aus und zieh zum Schluss den Bauch aktiv nach innen. So atmest Du vollständig, kommst zur Ruhe und gibst Deinem Körper zugleich neue Energie. Lege Daumen und Zeigefinger aneinander, so dass die Fingerkuppen einander berühren – das heißt Gyan Mudra und fördert durch Meridianpunkte an den Fingerkuppen Wissen, Empfänglichkeit und Ruhe. Lass die Hände in dieser Haltung entspannt auf den Knien liegen. Höre dem Mantra zu oder versuche es, wenn Du magst, mit zu chanten. Falls Du die Mediatation regelmäßig praktizieren möchtest: Mache das für 11 Minuten jeden Tag oder 11 mal pro Tag. Übersetzung und weitere Erläuterungen findest Du hier.

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