Corona II: Was passiert im Inneren der Gesellschaft?

Angst – Ein paar Gedanken und zwei Übungen

Vor ein paar Tagen klingelte ein Postbote an unserer Tür. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals eine Menschen gesehen habe, der so sehr Angst verkörpert hat. Er konnte mich gar nicht ansehen und hielt mir mit weit ausgestrecktem Arm und abgewandtem Gesicht das Gerät zum Unterschreiben hin. Auch auf der Straße spürt man dieser Tage die Angst vor direkter Begegnung und Berührung. Es fühlt sich komisch an, so als sei plötzlich etwas mit einem selbst „nicht mehr richtig“. Meist laufen solche Vorgänge unbewusst ab, aber wenn wir ähnliche Erfahrungen eine Zeitlang machen, speichern wir sie, nicht nur im Gedächtnis, sondern auch im Körper.

Neben einem Impfstoff und Plänen für vergleichbare Ausnahmesituationen brauchen wir daher sicher auch Strategien zur Angstbewältigung.

Und wie immer fängt es bei jedem einzelnen Menschen an.

Im Video teile ich zwei einfache Übungen aus dem Kundalini Yoga mit euch.

Unsicherheit und Angst – Zwei Yoga-Übungen , die helfen können

Wir, innen…

Im letzten Post habe ich mein eigenes Erleben mit Kinder-Chaos und Corona beschrieben. Aber der Ausnahmezustand verändert natürlich nicht nur unser individuelles Innenleben, sondern auch das Innenleben unserer Gesellschaft, unsere kollektiven Vorstellungen, Erzählungen, Vereinbarungen, Werte…Wir erleben gerade eine noch nie dagewesene Krisen-Situation, die ein schnelles Reagieren und zunächst mal die Konzentration auf den gesundheitlichen Schutz und erträgliche Zustände in den Krankenhäusern erfordert. Doch das, was im Inneren passiert, sollten wir nicht ausblenden. Wir müssen damit rechnen, dass gerade ganze Gesellschaften kollektiv traumatisiert werden und dass wir Monate, wahrscheinlich Jahre mit dem zu tun haben, was derzeit passiert.

Bruchstellen der Gesellschaft

Corona polarisiert uns „legt schonungslos die Bruchstellen unserer Gesellschaft offen“, wie die Journalistin Leila Al-Serori schreibt.

Ein paar Blitzlichter:

  • Während die einen nach härteren staatlichen Maßnahmen rufen, gehen den anderen die Einschränkungen schon jetzt viel zu weit – manche Menschen ziehen vor Gericht, weil sie sich in ihren Grundrechten und Freiheiten beschnitten fühlen.
  • Während Menschen mit sonst vollem Terminkalender der verordneten Auszeit durchaus etwas abgewinnen können, ächzen Familien und vor allem Alleinerziehende unter der Anforderung Homeoffice und Homeschooling zu vereinbaren.
  • Während die Menschen in der Stadt schauen müssen, wie sie sich etwas Bewegung und Luft verschaffen (das gilt v.a. für diejenigen, die eben nicht mal schnell mit dem Auto in den Wald fahren können und auch keinen Balkon haben), nutzen viele Land-Bewohner:innen die Zeit, um im Garten zu arbeiten.
  • Während die einen den Zusammenbruch der Zivilisation fürchten, sehen die anderen hoffnungsvoll der Transformation entgegen, die durch die Krise beschleunigt wird.
  • Während sich „digital natives“ und Menschen, die täglich mit Social Media und Videokonferenzen arbeiten, freuen, dass jetzt endlich auch die Schulen und Verwaltungen nachziehen, werden diejenigen, die im digitalen Raum weniger zu Hause sind, gerade leicht abgehängt.

Die Masken fallen

Was sonst eher im Verborgenen bleibt, wird durch Corona gerade aufgedeckt.

Die Masken fallen in dem Maße wie das „business as usual“ abgelöst wird durch ein unmittelbares Reagieren-Müssen auf ständig neue Herausforderungen.

Menschen zeigen sich unter dem aktuellen Druck einfach so wie sie (gerade) sind ängstlich, misstrauisch, egoistisch, aber auch solidarisch, kreativ und mitfühlend. Viele, wahrscheinlich die meisten, haben Angst in irgendeiner Form. Angst um die eigene Gesundheit, um die wirtschaftliche Existenz, Angst vor Unfreiheit in jeglicher Form, Angst vor dem Isoliert-Sein, vor der Zukunft…und natürlich vor dem Tod und der eigenen Endlichkeit. In den letzten Jahrzehnten gab es wohl keine Situation, die uns als ganze Gesellschaft so sehr mit der eigenen Zerbrechlichkeit und Endlichkeit konfrontiert hat.

Haben wir Angst oder hat die Angst uns?

Wer von sich aus noch keine Angst entwickelt, die oder der wird regelrecht damit geimpft. Angst als Schutz vor dem Virus. Ohne unsere kollektive Angst wären viele der jetzt verordneten Maßnahmen vermutlicht gar nicht durchsetzbar. „Angst ruft danach, dass etwas getan wird. Nein, nicht nur etwas, sondern alles: Repression, Prävention, alles miteinander und so viel wie möglich. Angst macht süchtig nach allem, was die Angst zu lindern verspricht“, schrieb Heribert Prantl schon vor über einer Woche in Vorausahnung. Und Sascha Lobo hat ein neues Lebensgefühl ausgemacht, die „Vernunftpanik“

Angst wegdrücken oder ignorieren hilft meist wenig. Sich komplett von Angst leiten lassen, kann einen andererseits regelrecht lähmen. Besser ist es also, sie einzugestehen, anzunehmen und damit zu arbeiten. Ein Gedanke dazu von Gurushabd Singh, der mich seit ein paar Jahren begleitet: „Angst entsteht und wird genährt, wenn man sich auf seine eigenen Probleme fokussiert. Wenn man die Probleme anderer in den Blick nimmt, entsteht Mitgefühl. Und das macht uns letztlich wieder handlungsfähig.“

Understand through compassion or you will misunderstand the times.

Yogi Bhajan, 4. Sutra for the Aquarian Age

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