„Sprechen und Zuhören“ – Uralt, simpel und irgendwie magisch…

Jedesmal, wenn ich jemandem davon erzähle, wird mein Gegenüber ganz hellhörig. Manche bekommen richtig leuchtende Augen, zumindest aber habe ich ihre volle Aufmerksamkeit: „Sprechen & Zuhören“ – ein eigentlich ganz simples Austausch-Format zu politischen oder anderen Themen, beweist einmal mehr, dass die besten Lösungen oft auch die einfachen sind. „Na super, einer spricht und einer hört zu…das ist ja total innovativ“, so hat es mein Bruder neulich belustigt-ironisch kommentiert. Innovativ ist die Erkenntnis, dass aufmerksames Zuhören die Basis von Beziehung ist, sicher nicht (mehr dazu hier). Doch es ist keineswegs selbstverständlich, dass wir das im Alltag auch umsetzen. Wenn wir es doch tun, entstehen immer wieder „magic moments“…

Wenn aus der Krise etwas Neues entsteht

Den Anstoß gab Corona: Die Pandemie hat uns als Gesellschaft nicht nur medizinisch, organisatorisch und politisch auf die Probe gestellt. Sie hat auch Beziehungen verändert. Bindungen und Zugehörigkeiten, die vorher klar schienen, waren plötzlich ganz anders. Während die einen im Lockdown förmlich aufeinandersaßen, hatten die anderen kaum noch direkten Kontakt zu Mitmenschen.

Fragen wie „Wie schlimm/gefährlich ist Corona?“ „Ist eine Impfung sinnvoll?“ „Wie weit sollten wir uns einschränken/Rücksicht nehmen?“ haben Freundschaften und Familienbindungen auf eine Belastungsprobe gestellt. Viele Menschen haben solche Fragen im Bekanntenkreis oder Arbeitsumfeld irgendwann gar nicht mehr angesprochen, aus Sorge vor den Reaktionen, aus Genervtheit oder schlicht aus Resignation. Die ersten Gesprächsräume für Mitglieder, die Mehr Demokratie 2020 anbot, hatten somit eine regelrechte Ventil-Funktion. Endlich das aussprechen können, was einen bewegt! Wichtig waren hierbei der klare Rahmen, eine achtsame Einleitung und Moderation, die eine Eskalation verhinderten.

Dem Schweigen etwas entgegensetzen

Auch im Mitarbeitenden-Team von Mehr Demokratie haben wir Ende 2021 eine gewisse Corona-Sprachlosigkeit und Diskussions-Ermüdung festgestellt. Das ging so weit, dass sich Menschen fragte, ob sie hier „noch richtig seien“. Doch statt uns anzuschweigen oder uns über den internen Messenger-Kanal mit Argumenten zu bombardieren, haben wir einen Online-Raum geöffnet, wo alle die wollten, sich in die Augen schauen und ihre ganz persönliche Sicht auf die Pandemie teilen konnten. Ohne dass bewertet und kommentiert oder wegargumentiert wurde. Am Schluss hatten sich die Positionen nicht unbedingt angenähert, aber das Verständnis und Gespür für die Position der anderen war gewachsen – und die Meinungsverschiedenheiten somit auch leichter auszuhalten.

„Es ist [gerade in Corona-Zeiten] wie ein Fest, wenn man sich einfach trifft.“

Zitat aus einer „Sprechen & Zuhören“-Veranstaltung

Anfang dieses Jahres entstand die Idee, das Format auch im Kreis unserer Mitglieder und Interessentinnen und Interessenten anzubieten. Wichtig war uns, dass dabei bestimmte Regeln gelten: Jeder spricht von sich. Jede Person hat gleich viel Redezeit und die anderen hören währenddessen zu. Kommentiert, bewertet oder argumentiert wird nicht.

Emotionen bestimmen unser Alltagshandeln

Wir haben uns ganz bewusst entschlossen, an dieser Stelle bei Mehr Demokratie so geschätzte und gut eingeübte Fakten-Debatte zunächst einmal nicht zu führen. Nicht, weil sie nicht wichtig wäre. Sondern weil sie nur einen Teil der Realität beleuchtet und ein anderer Teil, nämlich das „Gefühlte“, demgegenüber noch recht unterbelichtet, aber ebenso wichtig ist. „Ausgerechnet die Wissenschaft selbst hat in den vergangenen Jahren ein ums andere Mal belegt, dass Menschen ihre Urteile und Ansichten von der Welt gar nicht auf der Basis einer gesicherten Faktenlage und guter Argumente bilden. Statt an der Vernunft orientieren sie sich lieber an ihrem Umfeld, an dem, was ihre moralischen oder religiösen Überzeugungen nahelegen, oder schlicht an ihrem ‚Bauchgefühl‘“, schreiben Maximilian Probst und Ulrich Schnabel in der ZEIT.

„Ich kann mich viel besser konzentrieren [als in normalen Diskussionsveranstaltungen]. Es fallen nicht immer so viele Diskussionshinweise.“

Zitat aus einer „Spechen & Zuhören“-Veranstaltung

Viele Ansätze in den Kultur- und Sozialwissenschaften, der Philosophie und der Psychologie gehen davon aus, dass die Welt durch unterschiedliche „Brillen“ verschieden wahrgenommen wird und so je nach Beobachter auch unterschiedliche Realitäten entstehen. Doch die Erkenntnis, dass es statt „objektiv richtig“ und „objektiv falsch“ bei vielen Fragen Abstufungen und Varianten gibt, spielt in unserer Alltagswahrnehmung oft keine Rolle. Probst und Schnabel schreiben dazu: „Entscheidend für die richtige Kommunikation ist auch die Unterscheidung des ‚schnellen‘ und des ‚langsamen Denkens‘, die wir dem Kognitionspsychologen Daniel Kahneman verdanken. Das schnelle Denksystem ist intuitiv, automatisch und gefühlsgesteuert, das andere hingegen rational, gründlich und eher anstrengend. Wissenschaftler appellieren fast ausnahmslos an das zweite, ‚langsame‘ Denksystem; schließlich entspricht dies genau ihrer Methodik mit Messungen, Theorien und Diskussionen, aus denen sich allmählich ein Konsens herausschält. Im Alltag hingegen agieren die meisten Menschen im schnellen Denkmodus.“


Im Alltag selten: Slow Motion…Ruhe…den Gedanken Raum lassen

Die Herausforderung: Gefühl und Fakten zusammenbringen

Demokratie heißt: Wir müssen es irgendwie hinbekommen, uns im politischen Diskurs zu einigen. Dabei sind zwei Annahmen hilfreich: 1. Wir erkennen an, dass die Welt durch andere Brillen anders aussehen kann als durch unsere eigene. 2. Wir lassen den Gedanken zu, dass es bei den meisten Themen statt „schwarz = falsch“ und „weiß = richtig“ viele Graustufen gibt. Dieses Anerkennen ist aber wie oben beschrieben eben kein rein intellektueller Vorgang, es muss auch erfahrbar sein und gefühlt werden können. Dafür brauchen wir Räume und Werkzeuge. Fragen wie „Wie geht es mir mit der Klimakrise? Was lösen die Bilder aus der Ukraine bei mir aus?“ scheinen auf den ersten Blick vielleicht nebensächlich, wenn man doch auch über die Anzahl der gelieferten Panzer oder Vorschlägen für Wirtschaftssanktionen sprechen könnte.

„Er hat ja gerade gesagt: Ich traue mich das eigentlich nicht zu sagen. Und doch! Wir sagen es. Vielleicht ist genau das unsere Aufgabe, dass wir sprechen…das wir unsere Sorgen und Ängste aussprechen.“

Zitat aus einer „Sprechen & Zuhören“-Veranstaltung

Auch im politischen Feld läuft die Kommunikation oft noch so ab, dass eine Person den anderen erklärt, was sie verstanden und herausgefunden hat. Im Gegensatz dazu bringen (so der oben zitierte ZEIT-Beitrag) gute Dialoge „Menschen so ins Gespräch miteinander, dass sie voneinander lernen. Selbst wer meint, etwas besser zu wissen, respektiert im Dialog sein Gegenüber als Menschen mit eigenen Emotionen, Interessen und Unsicherheiten. Auf diese Weise gelingt Verständigung besser als nach dem Informationsdefizit-Modell.“ Anders gesagt: Erst wenn wir uns gegenseitig mit allen Denkweisen und Gefühlen wahrnehmen und akzeptieren, erhalten wir eine stabile Basis, um Debatten zu führen, Argumente auszutauschen und nach Lösungen zu suchen. Das Format „Sprechen und Zuhören“ kann man demnach als eine Art Grundlagenforschung für eine besser funktionierende Demokratie verstehen.

Auf dem ZEGG Sommercamp 2022 https://sommercamp.zegg.de/de/ haben Dieter Halbach und Anne Dänner darüber gesprochen, wie sich die Demokratie-Arbeit in den letzten Jahren verändert hat, welche weiteren Entwicklungsschritte anstehen und wieso Emotionen auch in der Politik berücksichtigt werden sollten.

Zuhören: Eine eigene Art von Friedensarbeit

Während wir noch ganz bewegt von den positiven Reaktionen auf den ersten Gesprächsraum waren, hat uns die Geschichte rechts überholt: Putins Einmarsch in die Ukraine hat viele Menschen überrascht und die Welt in ihrer Wahrnehmung über Nacht verändert. Schnell kam die Frage auf: „Wie sollten wir als Demokratie-Verein angemessen auf die Ukraine-Krise reagieren? Und bald folgte die schmerzhafte Erkenntnis: Auf die direkte Situation in der Ukraine und auch in Russland haben wir kaum Einflussmöglichkeiten. Und doch ist es nicht egal, wie wir als Demokratie-Verfechterinnen und -Verfechter uns jetzt aufstellen. Das Naheliegendste schien uns, unser neues Format auch auf die neue Krise anzuwenden: Denn einander zuhören, in Kontakt und im Gespräch bleiben, auch wenn die „andere“ Position manchmal schwer aushaltbar ist, fördert den inneren und äußeren Frieden.

„Was wir jetzt tun, ist schon wunderbar. Und ich glaube, dass es hilft.“

Zitat aus einer „Sprechen & Zuhören“-Veranstaltung

Diese Art von Friedensarbeit zu unterstützen ist eine Aufgabe für Mehr Demokratie – nicht nur in Bezug auf den Krieg in der Ukraine, sondern auch mit Blick auf Corona, die ständig im Hintergrund schwelende Klimakrise, Ungleichheit usw. Denn die Auswirkungen der sich überlagernden Krisen spüren wir hier und jetzt, in Familien, Freundeskreisen, Arbeitsumfeld und politischen Debatten. Je rauer der Ton und je unversöhnlicher die Positionen, desto schwieriger wird das Ringen um Lösungen. Ganz akut begleitet uns der Krieg in der Ukraine mit schrecklichen Bildern und Berichten, bald werden vielleicht wieder Hochwasser und Waldbrände hinzukommen. Auf der rationalen Ebene tauschen wir Argumente aus, ringen um Lösungen und geeignete Instrumente. Aber auch emotional müssen wir mit dem Geschehen umgehen. Was lösen die aktuellen Ereignisse und Erkenntnisse in uns aus? Wie kommen wir klar in einer Welt, die nie mehr so „in Ordnung“ sein wird, wie wir uns das wünschen?

Wortwolke, 2022 von den Teilnehmenden bei einem der ersten „Sprechen & Zuhören“ zum Thema Ukraine erstellt

Schritt 1: Einen stabilen Boden schaffen

Der Austausch darüber ist vielleicht kein direkter Hebel, um Probleme zu lösen. Aber er bildet einen stabilen Boden, auf dem wir solche Hebel gemeinsam bauen und bedienen können. Wenn dieser Boden nicht vorhanden ist oder schwankt, haben wir noch mehr Probleme als ohnehin schon. Ist er dagegen stabil, sind wir resilienter, das heißt wir können auch unter dem Druck der aktuellen Herausforderungen so handeln, wie es unseren Werten entspricht.

Etliche Gesprächsräume, zunächst zum Thema Corona und dann zum Ukraine-Konflikt und der Klimakrise, haben bereits stattgefunden. Die Resonanz der zwischen 130 und 40 Teilnehmenden war sehr positiv. Und wir lernen unglaublich viel. Mit jedem Treffen entwickeln wir das Format etwas weiter, passen Kleinigkeiten an, bauen neue Elemente ein, ändern die Moderation etwas ab.

„Aus jedem Online-Angebot bin ich ein Stück ermutigt und gestärkt heraus gegangenen. Ich hatte jedes Mal das Gefühl, viele Gleichgesinnte um mich zu wissen…“

Zitat aus einer „Sprechen & Zuhören“-Veranstaltung

Jeder einzelne Mensch macht einen Unterschied

Besonders lehrreich ist für mich bisher folgende Erfahrung: Es kommt tatsächlich auf jeden einzelnen Menschen an. Die Ansichten und Energie, die ein einzelner Mensch in seiner Kleingruppe oder auch in der großen Runde teilt, können alles verändern. Wenn nur eine Person im Raum ist, die ausschließlich negativ und pessimistisch spricht, wirkt sich das auf die anderen aus. Sie resignieren oder gehen in den Widerstand. Auf der anderen Seite sind es manchmal einzelne Sätze oder Gedanken, die eine ganze Gruppe inspirieren und wieder viele weitere Lösungsansätze erzeugen.

„Es ist berührend, dass wir hier als Fremde so miteinander sprechen können.“

Zitat aus einer „Sprechen & Zuhören“-Veranstaltung

Wenn man sich nun vorstellt, dass jeder einzelne Mensch, der an einem Gesprächsraum teilnimmt, auch danach in sein Umfeld hineinwirkt, in Deutschland und vielleicht darüber hinaus…was für eine Kraft kann da entstehen.

Sprechen & Zuhören live, beim ZEGG-Sommercamp 2022.

Dazu ein kleines Gedanken-Experiment: Nehmen wir das Pandemie-Gefühl und kehren es ins Positive um. Jeden Menschen, dem man begegnet, kann man potentiell anstecken und man kann auch von ihm angesteckt werden – und zwar mit einer neuen Idee, einem anderen Blickwinkel oder ganz einfach mit Empathie. Wenn sich ein Virus exponentiell verbreiten kann, warum dann nicht auch neue Denkweisen und innere Haltungen?

Der Beitrag ist zuerst erschienen im „demokratie! Magazin“ 02/22 https://www.mehr-demokratie.de/ueber-uns/demokratie-magazin und wurde hier leicht abgewandelt.

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