Stop!…and listen. Warum Zuhören so wichtig ist

Die Angst vor der „Klimahysterie“ klingt jammernd, schrill und irgendwie schräg. „Das Geld aus den Taschen ziehen“ heißt das Stück, das im Rahmen des politischen Musikexperiments „Climate Crisis? Stop and listen!“ entstanden ist und ein Zitat von Alice Weidel zur Klimakrise vertont. Ganz anders klingt der Fortschrittsoptimismus („Tanz am Abend“) des damaligen Verkehrs Club Deutschland-Vorsitzenden Wasilis von Rauch. Leicht und fast tänzerisch hat Komponist Julian Scarcella dessen Zitat in Musik übersetzt und Cellist Oliver Mascarenhas zupft es jetzt auf seinem Cello. Und die Aussage der Umweltministerin der Malediven Aminath Shauna („There is no higher ground“) klingt bombastisch, aber auch dramatisch…

Hier die ganze Veranstaltung nachverfolgen:

Ein Zuhör-Experiment zur Klimakrise

Das gemeinsame Projekt von Die Klimadebatte und einem Ensemble von Musiker:innen zeigt anschaulich, wie eng Kommunikation, Gefühle und Klang miteinander verbunden sind. Manchen der rund 1.600 Zuhörer:innen hat sich durch „Climate Crisis? Stop and listen!“ nochmal ein anderer Zugang zur Klimakrise eröffnet. Das lassen zumindest die vielen positiven Rückmeldungen auf unser Experiment an der Schnittstelle von Kultur und Politik vermuten. „Demokratie ist Musik mit anderen Mitteln“, sagte die Journalistin Ute Scheub in einem ihrer Wortbeiträge, die mit den Musikstücken verflochten waren. Die Themen „Resonanz“ und „Zuhören“ spielten dabei eine große Rolle. Nur wenn wir uns der Klimakrise mit allen Facetten nähern – also der Wissenschaft und den Fakten Raum geben, aber eben auch den Emotionen – können wir sie bewältigen. Ich verstehe das Projekt auch als Aufruf zu einer ganzheitlicheren Politik. Und natürlich zum Zuhören!

Zuhören als Voraussetzung von Resonanz

Zuhören bedeutet mehr als im gleichen Raum zu sein und eine akustische Schwingung aufzunehmen. Es heißt, wirklich empfangsbereit zu sein und auf das, was man empfängt, auch zu antworten. So entsteht Resonanz (ein Einblick in Hartmut Rosas Resonanztheorie gibt es z.B. hier oder hier (ab ca. min 32). Resonanz bedeutet ein sinnvolles Verbundensein mit anderen Menschen und der Welt um uns herum. Aus diesem Verbundensein können dann letztlich neue Lösungen erwachsen.

Umgekehrt gilt aber auch: Wenn wir nicht zuhören, die Resonanz nicht erlauben – zum Beispiel aus Zeitmangel, Unachtsamkeit oder Angst – dann entstehen eben auch keine neuen Lösungen. Manchmal scheint es richtig Arbeit, zuzuhören, wenn man eigentlich lieber weghören und sich nicht beschäftigen möchte. Auf der anderen Seite kann es auch unglaublich anstrengend und entfremdend sein, immer wieder zu verdrängen, was eigentlich gehört werden will. Im Interview mit Jagoda Marinić beschreibt Bernd Ulrich, der stellvertretende ZEIT-Chefredakteur, welche enorme Verdrängungsleistung die meisten von uns tagtäglich in Bezug auf die Klimakrise erbringen. Für ihn erscheint es eher befreiend, endlich hinzuhören und dann für sich Konsequenzen ziehen zu können als sich immer wieder taub stellen zu müssen, um weiter Viel-Fliegen oder Viel-Fleischessen zu können. Bei den beiden klingt auch an, wie sehr es unser Verhältnis zur Natur und den anderen Lebewesen verändert, wenn wir uns die Zeit nehmen, mit ihnen wirklich in Kontakt zu gehen – auch eine Art des Zuhörens.

Drei Facetten: mir zuhören, anderen zuhören, dem Ganzen zuhören

Die drei Facetten des Zuhörens spielen auch im Yoga eine Rolle: mir selbst zuhören, anderen zuhören und auch dem, was über die Menschcen hinausreicht (Umwelt, Universum) zuhören. Im Kundalini-Yoga ist das tiefe Zuhören ein Schlüssel zu echtem Verständnis, Liebe, Glück und Freude. Beim tiefen Zuhören (Sunni-ai) lauschen wir bewusst mit allen Sinnen, mit dem Herzen, mit unserer Intuition und dem neutralen Geist (der neutrale Geist ist aktiv, wenn wir beobachten und nicht bewerten). Das ermöglicht die Begegnung mit anderen Menschen. Aber auch den Zugang zu unserem wahren Selbst, also sozusagen der besten Version von uns. Und natürlich den Zugang zum großen Ganzen, ob man es nun Universum, Gott/Göttin, Schöpfungsenergie oder wie auch immer nennen mag.

Wie oft machen wir das wirklich im Alltag? Wann hast Du das letzte mal wirklich Deiner Partnerin, Deinem Kollegen, Deiner Freundin, Deiner Mutter oder Deinem Kind zugehört? Ich finde, ein guter Indikator ist, ob sich etwas Unerwartetes und Neues ergibt. Manchmal ist es die Sekundenstille vor der Verabschiedung…und plötzlich ist ein Thema im Raum, das wirklich wichtig ist. Manchmal ist es das eine Stichwort und die Rückfrage und jemand enthüllt plötzlich bewegende Gedanken. Wann hast Du das letzte mal Dir selbst wirklich gut zugehört? Und wie oft entscheidest Du Dich, lieber nicht hinzuhören?

Niemand sagt es schöner als the one and only Avett Brothers…

Die Beben unter der Oberfläche ignorieren so lange bis ein Tsunami entsteht, der dann erstmal alles plattmacht?? Unerwünschte Gefühle unterdrücken und Aspekte der eigenen Persönlichkeit lebendig begraben?? Kann man machen. Ich hab‘s ausprobiert und für schlecht befunden. Und viele Menschen, die ein Thema mit Wutausbrüchen, Panikattacken oder Daueranspannung haben, wahrscheinlich auch…

Wie kann Zuhören gelingen?

Wir brauchen die Stille und innere Öffnung, um uns verbinden zu können. Das geht nur, wenn der Alltagslärm und belangloses „Geplapper“ immer wieder verstummen. Um das zu erreichen, hat sicher jede und jeder einen eigenen Weg. Einer davon ist Meditation. Ohne der „Lärm“ unserer inneren Konflikte, Schatten, versteckten Absichten usw. können wir unser wahres Selbst hören und vermeintliche Probleme lösen sich auf.

„Sunni-ai dukh paap kaa naas“ – „Beim tiefen Zuhören lösen sich Sorgen und Fehler auf“

Diese Zeile wird im Japji (einem der wichtigsten Texte der Sikh und auch grundlegend im Kundalini-Yoga) rezitiert, am Ende jeder der vier Strophen, die sich mit dem Zuhören beschäftigen.

Es gibt ganz praktische Voraussetzungen, um überhaupt zuhören zu können. Es mag banal klingen, aber das sind zunächst mal die nötige Zeit und innerer Raum, um sich „anrufen“ zu lassen, wie es Hartmut Rosa nennt. So lange wir immer noch mit anderen Dingen beschäftigt sind, die scheinbar gerade Vorrang haben, können wir nicht wirklich zuhören. Bernd Ulrich beschreibt in dem oben erwähnten Interview, wie wir jahrzehntelang mit anderem beschäftigt waren und in der Klimafrage daher kein wirkliches Verstehen und vor allem keine effektiven Handlungen zu Stande kamen.

Und noch etwas ist wichtig: Das Erlebnis des Gehörtwerdens. Neulich auf einem Strategietreffen von Mehr Demokratie war ich per Videokonferenz zugeschaltet, während alle live anderen im Raum waren. Die Technik funktionierte mäßig. Das heißt, ich sah ein paar angeschnittene Köpfe und Körper und hörte…gar nichts. Die Leute im Raum dagegen konnten mich sehr gut hören. Das bestätigten sie mir auch im Chat. Zudem weiß ich natürlich im Kopf, dass meine Position im Kolleg:innen-Kreis auf jeden Fall wahrgenommen wird. Und trotzdem kam ich nicht gegen das Frust-Gefühl an, irgendwie blockiert zu sein, nicht in Resonanz gehen zu können, nicht wirklich zu erleben, ob meine Worte ankommen, keine Reaktion empfangen zu können. Meine These ist:

Es genügt nicht, wenn wir wissen, dass wir gehört und beachtet werden. Wir müssen es auch erleben für wirklich gelingende Kommunikation und Beziehungen.

Was heißt Zuhören in der Politik?

Was heißt das für das politische Feld? Es genügt nicht, wenn die Bürger:innen wissen, dass Sie Volksvertreter:innen habe, von denen die meisten wahrscheinlich wirklich danach streben, sie gut zu vertreten. Sie müssen es erleben können. Auch umgekehrt braucht es Resonanz: Es ist für Politiker:innen schwierig, auf Grund von Umfragen, Medienberichten und Social Media wirklich mitzubekommen, wie ihre Entscheidungen ankommen. Es ist ein Unterschied, ob ich eine Umfrage lese, oder ob ich im direkten Gespräch Positionen und Wahrnehmungen mitbekomme.
Haben „die“ mich im Blick mit meinen Nöten und Interessen als Wählerin? Habe ich sie im Blick mit ihren Sachzwängen, Eingebundenheiten und Möglichkeiten? Oft hören wir uns – so ist mein Eindruck – nicht so richtig zu… Praktisch heißt das: Es braucht mehr Begegnungsräume, in denen sich die Gewählten und die Bevölkerung tatsächlich begegnen und sich gegenseitig hören können. Es braucht neue Instrumente und das tatsächliche physische Hören, das Klang-Erleben könnte dabei eine entscheidende Rolle spielen. Einiges geht schon:

Livestreams von Bundestagsdebatten waren vor einigen Jahren noch überhaupt nicht selbstverständlich und bilden heute eine hervorragende Möglichkeit des Miterlebens.

Die Bürgerräte, die sowohl der scheidende Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble als auch die neue Bundestagspräsidentin Bärbel Bas angekündigt haben (mehr siehe hier) sind da ein sehr guter Anfang. Aber da geht noch mehr…

In den nächsten Jahren werden wahrscheinlich und hoffentlich weitere Begegnungsformate entstehen. Hierbei könnten die Erfahrungen mit Videokonferenzen wichtig werden, denn sie machen Begegnungen relativ unkompliziert möglich. Eine schöne Gelegenheit jedenfalls, aus der Corona-Isolations-Not eine neue Gesprächs- und Beteiligungs-Tugend zu machen.

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