Januar, neues Jahrzehnt: Einmal leermachen bitte!

Die Sache mit der Windmühle…

Es war eine verstaubte, selbstgebastelte Windmühle aus Pappe mit einem Alufolie-Schwanenteich, die mich dazu gebracht hat, über Besitz versus Wohlstand und Anhäufen versus Leermachen nachzudenken. Diese Mühle hatte ich gebastelt, vielleicht in der vierten Klasse, und als ich in unserer Ferienwohnung im Haus meiner Großeltern umgeräumt habe, um Platz für ein Kinderzimmer zu schaffen, ist sie mir wieder in die Hände gefallen. Die Wasserfarben waren reichlich verblasst und die Augen der Schwäne nur noch zu erahnen – und so habe ich sie kurzerhand ins Altpapier befördert. Meine Mühle, mein Business, dachte ich…Und fühlte mich richtig gut, nachdem ich das Zimmer von „Gerümpel“ befreit und Platz für Neues geschaffen hatte.

Was Neues – gebaut von meinem Bruder und meinen Kindern (aus Abfall in Opas Werkstatt ;-))

Was ich nicht wusste: Meine Oma fand das ziemlich traurig, denn ich hatte in ihren Augen eine wertvolle Erinnerung einfach entsorgt und damit „entwertet“. Sie hingegen hatte es mehr als zwei Jahrzehnte nicht übers Herz gebracht, die Bastelei ihrer Enkelin wegzuwerfen. Verstanden habe ich das erst Monate später, als wir beim Kaffeetrinken über die unterschiedlichen Einstellungen der Generationen zum Thema „Aufheben und Sammeln“ gesprochen haben und Oma – für mich völlig unerwartet – diese Pappmühle sozusagen wieder aus der Tonne holte.

Gesammelte Werke – Sicherheit oder Ballast?

Wie konnte es sein, dass eine aus meiner Sicht so belanglose Handlung jemand anderen verletzt hatte? Ich fing an, über die Bedeutung von Besitz, Vollstellen und Leeräumen nachzudenken.

Viel „Zeug“, das herumsteht oder irgendwo lagert, empfinde ich eher als Belastung. Ich brauche Platz. Zum Atmen, zum Denken, zum Bewegen, zum Yoga-Machen (…und gelegentlich auch mal, um etwas Neues ins Regal zu stellen 😉). Nicht zu viel „stuff“ zu haben ist für viele Leute der jüngeren oder mittleren Generationen schon allein deshalb ein Thema, weil sie öfter umziehen, keinen dauerhaften und festen Lebensmittelpunkt haben und zumindest zeitweise in WGs und begrenzten Stadtwohnungen leben. Was man da nicht wirklich braucht, wird schnell zur Last. Mein ganzes Lebensgefühl ist weniger von Haben als von Sein bestimmt. Aber ich hatte auch immer alles, was ich wirklich brauchte, und von daher den Luxus, mich mit anderen Dingen beschäftigen zu können.

Die Generation meiner Oma hingegen hat Krieg und Entbehrung erlebt, viele haben das, was sie „hatten“ verloren und/oder mussten irgendwo und irgendwie wieder neu anfangen. Klar, dass damit eine eigene Wohnung, vielleicht sogar ein eigenes Haus und all die Dinge, die man sich leisten konnte, eine wichtige Rolle spielen. Etwas zu haben bedeutete im wahrsten Sinne des Wortes auch, auf der sicheren Seite zu sein.

Keine Kunst und kann trotzdem nicht weg – 100jähriges Bonbonglas mit Urlaubssteinen

Wer hat, der hat…ja was eigentlich?

Viel interessanter als die Frage, wer wie sehr nach materiellem Besitz strebt, finde ich aber die Frage, welche Denkmuster und Überzeugungen hinter dem Thema „Sammeln oder Loslassen /Haben oder Sein“ stehen. Der Gedanke, dass man durch Besitz und äußere Faktoren auch zu Zufriedenheit und „innerer Sicherheit“ gelangt, ist noch immer weit verbreitet, auch bei jüngeren Menschen. Es gibt nicht „die ältere Materialisten-Generation“ und „die jüngeren Postmaterialist*innen-Generation“, sondern eine Vielzahl von Milieus und Wertegemeinschaften, wie sie zum Beispiel in den Sinus-Millieus dargestellt werden. Dinge loszulassen oder auszumisten, ist dann schwer, wenn man im „Haben“ auch eine Möglichkeit der Kontrolle, der Bestärkung des eigenen Wertes und des Vorbereitet-Seins auf was auch immer sieht.

Ist das wertvoll oder kann das weg?

In meinem Umfeld jedenfalls hat der Konflikt um das Behalten oder Wegwerfen oft gar nicht so viel mit den Dingen zu tun, an denen sich die Auseinandersetzung aufhängt. Es geht eigentlich gar nicht um eine alte Vase oder um eingekochtes Obst, das älter ist als ich. Sondern um die Wertschätzung für das, was eine vorherige Generation geleistet hat. Wenn ich die Pappmühle wegwerfe, heißt das ja nicht, dass ich vergesse, mit wieviel Liebe und Sorgfalt sie gebastelt wurde und wie schön sie lange Zeit aussah.

Wenn wir – die Jüngeren – also Dinge wegwerfen oder bereit sind, Besitz loszuwerden, heißt das nicht, dass wir die Leistung unserer Eltern und Großeltern nicht zu schätzen wissen. Im Gegenteil: Wir können das nur, weil wir eine sehr stabile Basis haben und im Grunde davon überzeugt sind, dass es (für uns) nicht auf diese Werte ankommt.

Also: Auch wenn uns die Dinge weniger wertvoll sind, sind die Energie und Bestrebungen dahinter und die schönen Erinnerungen, die damit verbunden sind, für uns trotzdem wertvoll. Aber warum brauche ich die Dinge nicht, um mich verbunden oder sicher zu fühlen?

Was bedeutet Sicherheit?

In Zeiten, in denen vieles nicht genau vorhersehbar und schon gar nicht kontrollierbar ist, wächst das Bedürfnis etwas festzuhalten, sich festzuhalten. Macht Sinn! Aber vielleicht müssen wir das, woran wir uns festhalten, überdenken. Wir leben nicht mehr in den 60ern, als die oben beschriebenen Denkweisen durchaus ihre Berechtigung hatten.

Was wir heute brauchen, ist kein Wirtschafts-, sondern ein Anpassungswunder.

Wenn wir mit der Welt, wie wir und die vorherigen Generationen sie uns geschaffen haben, klarkommen wollen, müssen wir vieles überdenken und loswerden. Unser Konsumverhalten, unser Verständnis von Wohlstand und Gerechtigkeit, unsere Bequemlichkeit, unsere Un-Verbundenheit mit den anderen Lebewesen auf dieser Erde…Um das zu schaffen, brauche wir natürlich auch Sicherheiten. Und es ist gut, wenn wir die in uns finden statt im Außen oder im „Besitz“.

Meine These ist: Je besser man „gebunden“ ist, also ein Grundvertrauen in das Leben und die eigenen Fähigkeiten hat, desto weniger braucht man diese äußere Absicherung. Umgekehrt kann es sogar als Belastung erlebt werden, gebunden und verpflichtet zu sein (was Besitz ja auch tut). Die heutige Zeit erfordert große geistige und unter Umständen auch örtliche Flexibilität. Dafür ist es günstig, weniger materiellen Besitz, dafür aber große innere Sicherheit und Zugang zu den eigenen „geistigen Ressourcen“ und Kräften zu haben, auch gute soziale Netzwerke sind nützlich.

Reichtum ist nur eine Form des Wohlstandes. Weitere Formen sind die zur Verfügung stehende Zeit, Gesundheit, individuelles Glück und Möglichkeiten zum Ausdruck des eigenen kreativen Potentials.

Sangeet Singh Gill: Yoga – Die sanfte Revolution.

Klimakrise – Größte Anzunehmende Unsicherheit

Wir sehen derzeit der größten anzunehmenden Unsicherheit ins Auge (insofern passt Super-GAU auch hier). In Australien brennen die Wälder in einem kaum vorstellbaren Ausmaß. Ich finde es unglaublich traurig, meinen Kindern diese Bilder erklären zu müssen – mehr als eine Milliarde tote Tiere habe ich mich gar nicht getraut zu erwähnen. Dass wir vergeblich auf Schnee warten und gelegentlich mit Hitze oder Stürmen zu tun haben, erscheint dagegen als Luxusproblemchen. Doch ich kenne mittlerweile niemanden mehr, die oder der sich nicht mit dem Klima-Thema konfrontiert sieht – ob auf der Silvesterparty, beim Präsentations-Workshop oder auf dem 88. Geburtstag. Das war vor drei Jahren noch ganz anders.

Unter dem Strich steht die harte Wahrheit: Wir, auch hier in Europa, sind alles andere als sicher. Von unserer Mitverantwortung für alles, was nicht direkt vor der Haustür passiert, mal ganz zu schweigen. Unser Leben muss und wird sich grundsätzlich ändern. Wir können ganz sicher nicht einfach weitermachen. Aber was machen wir dann? Wir müssen ausmisten, unsere Verhaltensweisen und unsere Vorstellungen.

Wir müssen uns leermachen, um uns mit neuen Ideen zu füllen und mit den Herausforderungen unserer Zeit überhaupt umgehen zu können.

Es ist nur gut, innezuhalten, um zu überprüfen, wo das, was wir so tun, nachhaltig und ganzheitlich sinnvoll ist und wo eben nicht mehr. Dann können wir neue Wege finden, ganz andere Werte und Handlungsweisen „ins Regal aufnehmen“. Das fängt bei jedem einzelnen Menschen an. Ja, die Weichen müssen von der Politik umgestellt werden. Aber es macht AUCH einen Unterschied, ob und wie ich konsumiere, reise und mit anderen Lebewesen und Ressourcen umgehe.

Anhalten! Irgendwie geht es weiter, aber jedenfalls nicht geradeaus.

Januar: Die Ruhe aushalten

Um den Jahreswechsel herum aufräumen, sortieren, neue Kraft tanken, neu ordnen und ausrichten…Die Rauhtage und Rauhnächte sind nicht nur für spirituelle Leute eine besondere Zeit, sondern schon allein deshalb bemerkenswert, weil in dieser Zeit tatsächlich viele Menschen Pause machen, zur Ruhe kommen, weniger kommunizieren, einfach mal „unplugged“ sind. Aber dann, spätestens nach dem „Dreikönigstag“, da geht es dann aber richtig wieder los!

Ich habe mich dieses Jahr entschieden, noch etwas länger stillzuhalten und im Januar nicht zu arbeiten. Und es ist manchmal verdammt schwer. Denn wenn der Tag nicht mit „To Dos“ ausgefüllt ist, stellen sich die leisen aber großen Fragen, die wohl die meisten von uns haben. „Macht das, was ich tue, wirklich Sinn?“, „Was heißt es, dass ich endlich und sterblich bin?“, „Wie komme ich klar, wenn ich gerade nicht von Glück, Erfolg und Gesundheit verwöhnt bin?“, „Wie können wir leben, wenn unsere gewohnten Lebensumstände erschüttert werden?“, „Was ist mein Beitrag zum Leben auf dieser Erde?“

Temporary is my time
Ain’t nothin‘ on this world that’s mine
Except the will I found to carry on
Free is not your right to choose
It’s answering what’s asked of you
To give the love you find until it’s gone

The Avett Brothers – Ill with want

Einfach mal nichts machen – Dürfen wir das?

Und natürlich stellt sich auch die Frage: Darf ich wirklich „nichts tun“ und stillhalten in einer Zeit, wo Menschen heimatlos werden, wo Leben durch menschliches Verschulden ausgelöscht wird, wo die Erde brennt, während Regierungen und Konzerne den Kohleabbau weiter vorantreiben, wo eine politische Krise die nächste jagt? Wenn ich #worldwar3 auf twitter lese, wünsche ich mir, Francis Fukuyama hätte mit seinem „Ende der Geschichte“ Recht gehabt…

Nein, die Geschichte geht weiter. Und wir haben unsere Rolle darin. Wir brauchen Energie und Zuversicht, um überhaupt weitermachen zu können, nicht in Zynismus, irgendwelche Abhängigkeiten oder Resignation zu verfallen. Zwischendurch tanken, am besten auch während des normalen Alltags immer wieder, ist deshalb für die meisten Menschen unerlässlich.

Kopf freimachen, Neues reinlassen

Was funktioniert, muss jede*r für sich selbst herausfinden. Mir hilft Yoga dabei, weiterzumachen. Oder eben auch mal nicht weiterzumachen. Und zu schauen, was ist noch da, wenn ich die verstaubten Dinge wegwerfe? Was ist so wichtig, dass es niemals „verstaubt“ wird? Was brauche ich, was trägt mich wirklich?

Eine ganz grundlegende Übungsreihe im Kundalini Yoga ist die sogenannte Kirtan Kriya. Diese Meditation ist dafür bekannt, dass sie Anspannung und Stress löst, den Geist befreit und öffnet. Es gibt sogar Studien über ihre positive Wirkung für Alzheimer-Patienten.

Viel Platz – mal sehen, was kommt…Hier: Schottland, Cairngorm Mountains.

Die Kirtan Kriya – Übung für einen freien Kopf

So funktioniert die Meditation: Setzte Dich in den Schneidersitz, falls nötig auf ein Kissen. Wichtig ist, dass Du die Wirbelsäule gerade aufrichten kannst. Während der Medidation sind die Augen geschlossen und der Blick „von innen“ auf das dritte Auge (Punkt zwischen den Augenbrauen) gerichtet.

  • Die Kirtan-Kryia arbeitet mit den „Urklängen“

SAA: Unendlichkeit, Grenzenloses, Kosmos, Anfang

TAA: Leben, Existenz

NAA: Tod, Veränderung, Transformation

MAA: Geburt, Wiedergeburt, Mutter, Mond

  • Bei jeder Silbe werden mit dem Daumen nacheinander die Reflexpunkte an den Fingerspitzen gedrückt, wo viele Energiebahnen (Meridiane oder Nadis, je nach Tradition) zusammenlaufen. Die Hände kannst Du dabei mit den Handrücken nach unten auf den Knien ruhen lassen:

SAA – Zeigefinger: Jupiterfinger, steht für Weisheit

TAA – Mittelfinger: Saturnfinger, steht für Disziplin

NAA – Ringfinger: Sonnenfinger, steht für Lebenskraft

MAA – Kleiner Finger: Merkurfinger, steht für Kommunikation

Der Daumen steht übrigens für das „Ich“

  • Darüber hinaus hilft noch eine Visualisierung (mit geschlossenen Augen): Bei jeder Silbe stellt man sich den Energiefluss in L-Form vom Scheitelpunkt (Zirbeldrüse) bis zum Punkt zwischen den Augenbrauchen (Hypophyse) vor. Ich finde es ein schönes Bild, dass bei Saa-Taa-Naa-Maa jeweils ein Lichtstrahl oder ein Windstoß am Scheitelpunkt in meinen Kopf reingeht und dabei sozusagen aufräumt, durchfegt, Platz für Neues schafft und vorne zwischen den Augenbrauen wieder austritt.
  • Das Chanten/Singen funktioniert so:

Laut: Einfache Zeitspanne (1-5 Minuten)

Flüstern: Einfache Zeitspanne (1-5 Minuten)

Still, in Gedanken: Doppelte Zeitspanne (z.B. 2-10 Minuten)

Flüstern: Einfache Zeitspanne (1-5 Minuten)

Laut: Einfache Zeitspanne (1-5 Minuten)

  • Abschluss: Atme tief ein, halte den Atem einen Moment und spüre die Energie, atme aus. Mache das dreimal und so langsam, dass Du für dreimal Ein- und Ausatmen ungefähr eine Minute brauchst.

Probiere es aus, wenn Du magst. Du brauchst einen ruhigen Ort, eine Sitzunterlage wie eine Yogamatte, ein Fell oder eine Decke und ungefähr 10 Minuten Zeit. Die Kriya kann mit Musik oder ohne (nur mit der eigenen Stimme) gemacht werden.

Travel light, live light, spread the light, be the light.

Yogi Bhajan

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