Corona! – Was ich in den letzten 14 Tagen erlebt und gelernt habe

Teil 1: Ein persönlicher Erlebnisbericht…

Trigger-Warnung: Ironie, Wut, Undifferenziertheit. Hier geht es um meine ganz subjektiven Erfahrungen, kein Anspruch auf Allgemeingültigkeit.

Prolog: Was vorher geschah…

Corona war für mich in den letzten Monaten eher ein Hintergrundrauschen – hörbar, aber nicht dominant. Ich bin seit dem Sommer geimpft. Es ist mir nicht leichtgefallen und es war definitiv nicht einfach nur „eine ganz normale Impfung“. Statt stolz geschwellte Brust und in die Kamera präsentierten „This girl is on Pfizer“-Arm (nicht erfunden, sowas ist mir in den Social Media begegnet) hatte ich tagelang geschwollene Lymphknoten (ja, dies betrifft nur eine kleine Minderheit, aber ich war halt dabei) und mit Niedergeschlagenheit zu kämpfen. Aber ich habe das für mich so entschieden, eine nicht tolle Variante gegen eine wahrscheinlich noch miesere abgewogen.

Nach ein paar Tagen ging es wieder und mittlerweile bin ich froh über meine Entscheidung, aber dazu unten mehr. In den Post-Impf-Tagen habe ich – jetzt haltet euch fest Alternativmedizin-Hater – auch Tee getrunken und Globuli genommen, um mich wieder aufzubauen. Warum auch nicht?? Dabei war es mir ziemlich wurscht, ob es nun nach Hahnemanns Ähnlichkeitsregel funktioniert oder einfach deswegen, weil mich die Kügelchen placebomäßig an bestimmte Selbstheilungskräfte und Qualitäten erinnern, die ich sowieso in mir habe. Es hilft mir und damit basta.

Wir hatten also als geimpfte Eltern mit noch nicht impffähigen Kindern ein recht Corona-unbeschwertes Leben. Die Kinder werden in der Schule regelmäßig getestet, alle halten sich brav an Abstands-, Test- und Maskenregeln und wir schaffen es tatsächlich trotzdem ein soziales Leben aufrecht zu erhalten…Ich hatte die ganze Zeit über keine Angst vor anderen Menschen und deren Nähe und habe auch nicht erwartet, dass andere Angst vor mir haben.

Dieser Anruf wird Ihr Leben verändern

Und plötzlich hast Du es! Der Albtraum beginnt an einem Donnerstagmorgen. Das Telefon klingelt und das Sekretariat ist dran, um mitzuteilen, dass das kleine Kind positiv sei und jetzt bitte abgeholt werden möchte. Mir dämmert bereits, dass die nächsten Wochen übel werden, denn mein Bauchgefühl sagt mir, dass der Test nicht gelogen hat. Was nun? Wer muss sich wie testen? Wo geht das überhaupt noch? Wen müssen wir informieren? Wer muss zu Hause bleiben und wie lang? Um das herauszufinden, brauchen wir einen halben Tag.

Für den PCR-Test beim Kinderarzt – weil uns die Schule keine weiteren Infos geben kann und von offiziellen Teststellen auch im Elternkreis noch nichts bekannt ist – warten wir sieben Stunden. Die letzte halbe Stunde davon im Flur eines Gründerzeithauses am Hintereingang, da man uns nicht einmal durch die Praxis hindurchführen will. Als hätten wir was verbrochen, drücken das Kind und ich uns mit unseren Masken in die Ecke des Flurs, wenn jemand vorbeikommt.

Wenn die Enge in der Brust von außen kommt

Ach ja, dem Kind geht es zum Glück gesundheitlich prächtig, aber das ist ja zweitrangig. Woher er sich angesteckt haben könnte? Das ist wohl der Moment, wo man üblicherweise auf ein „Kind ungeimpfter Eltern *Zähnefletsch und Fingerzeig*“ verweist. Aber das gibt es bei uns nicht. Unser Kind war zusammen mit einem anderen das erste „positive“ in der Klasse. Das Gefühl innerer Enge nimmt bei mir zu. Natürlich kommt auch sofort das Bild der Atemnot, je weiter wir uns in den Test- und Dokumentationskreislauf hineinbegeben. Immer wieder muss ich mich erinnern, dass ich tatsächlich ganz normal atmen kann, dass ich gleich aufstehen und hier rausgehen werde. In Schlangen stehen und bürokratischem Irrsinn ausgeliefert sein halte ich auch in normalen Zeiten schwer aus, und nun kommt noch die Sorge dazu, dass ja wider Erwarten tatsächlich etwas „Schlimmes“ sein könnte.

Das große Nicht-Wissen

Beim Arzt kann man uns nicht sagen, wann die Ergebnisse kommen. Termine für das Freitesten vereinbaren? Das sollten wir mal am Tresen machen. Plötzlich ist es offenbar kein Problem mehr, durch die Praxis zu laufen?!? Oder soll ich das Kind vor der Tür stehen lassen? Stimmt, sagt die arme überforderte Assistenzärztin (ich möchte nicht an ihrer Stelle sein), dann frage sie mal schnell nach. Ach nein, Termine vergebe man nicht, wir müssten einfach anrufen. Ich schaue sie entgeistert an und berichte, dass das quasi unmöglich ist, da dauerbesetzt oder niemand abnimmt, ungeachtet der Sprechzeiten. Sie habe noch nie in der Praxis angerufen, erwidert sie. Wie lange die Quarantäne dauern kann oder wie das überhaupt entschieden wird? Wir sollten mal bei der Schule oder dem Gesundheitsamt fragen. Beim Gesundheitsamt ist dauerbesetzt. Wir füllen Online-Formulare aus.

In Ermangelung von Quarantäne-Bildmaterial gibt es diesmal YouTube-Links auf den Soundtrack zur Geschichte. Geht los mit: „…wish I cloud turn my head off for a month..“

Wie wir langsam in den Strudel hineingezogen werden

Das große Kind ist weiter in der Schule, denn es wurde negativ getestet. Wie es weitergeht? Keine Ahnung. Die Sekretärin rät uns, ihn am nächsten Tag prophylaktisch zu Hause zu lassen – es gäbe immer aufgebrachte Eltern, das würden wir uns nicht antun wollen. Wir Eltern sagen sämtliche Termine ab und überlegen, wie wir nun weitermachen. Allen geht es gut. Testen müssen wir Erwachsenen laut Vorschrift nicht, denn wir sind ja geimpft. Ich habe schon seit Tagen leichten Schnupfen, daher teste ich mich halt doch – negativ.

Tag 2: Vom Gesundheitsamt oder Schule noch immer keine Hinweise, wie es weitergeht. Über den Elternchat wird diskutiert, ob der Rest der Klasse nun in Quarantäne sei, nur die Sitznachbar:innen oder auch die Kindern, die im Hort mit den „positiven“ Kindern gespielt haben oder wer überhaupt? Manche Eltern hätten am liebsten präventive PCR-Tests für alle. Unklar auch, was mit nicht-infizierten Geschwisterkindern ist. Fünf Tage zu Hause? Oder länger? Und wie kommen sie dann wieder frei? Vom Gesundheitsamt nichts, Hotline besetzt. Wir füllen Formulare aus und schreiben Mails.

Selbst ist die infizierte Person

Das kleine Kind ist überzeugt, dass sein Testergebnis auf jeden Fall falsch gewesen sei. Ihm geht es doch gut und er kann sich nicht vorstellen, jetzt für zwei Wochen zu Hause eingesperrt zu sein. Und genau das ist es nämlich in Berlin – Gruß an die Landbevölkerung mit eigenen Gärten und keinem Menschen auf der Straße! Man ist in der Wohnung eingesperrt, darf theoretisch nicht mal die Wäsche im Keller anstellen, nicht auf den Balkon direkt bei den Nachbarn, nicht aufs Dach – sofern man denn überhaupt zu den Privilegierten mit Balkon und begehbarem Dach gehört. Wir bereiten ihn darauf vor, dass es so kommen wird und beteuern mehr oder weniger glaubwürdig, dass schon alles gut werde und wir uns was ausdenken. Der Kleine weint dicke Tränen: „Ich wäre lieber krank!“ Ich kann nicht beschreiben, wie wütend mich diese Szene macht. Spot the mistake!!

Am Nachmittag will sich das große, völlig symptomfreie Kind selbst testen, bevor es mit uns rausgeht. Er fühlt sich bereits irgendwie „gefährlich“, schaut unsicher auf andere Menschen in der Nähe und ob jemand im Flur ist. Und tatsächlich: Auch sein Schnelltest ist positiv. Das kleine Kind erleichtert über die Gesellschaft – wir tatsächlich auch ein bisschen, denn so müssen wir den ganzen Shit wenigstens nur einmal und dann gleich mit beiden durchstehen. In der Zwischenzeit haben wir selbst ein offizielles Testzentrum des Senats recherchiert. Mein Mann geht mit dem Kind hin. Schlangestehen, digitales Registrierungschaos, der Schnelltest muss per Foto aufs Handy geladen werden… Dann warten wir ab und versuchen die Angst im Zaum zu halten, dass es den quietschvergnügten Kindern plötzlich mit einem Schlag schlecht gehen könnte, man weiß ja nie, nicht wahr?

Plötzlich „person non grata“

Tag 3: Samstagmorgen im Bett überlegen wir, was wir weiter machen. Beide Eltern sind noch immer fit…Testen und riskieren, dass wir uns damit alle aus dem Verkehr ziehen? Vorher noch schnell einkaufen für alle Fälle? Wir entscheiden, dass ich mich teste wegen des leichten Schnupfens. Nix passiert…kurz bevor ich aus dem Bett springen will, sagt mein Mann „Oh…“ und verweist auf eine kaum sichtbare Linie auf dem Ding, das ich bald mit dem Fachbegriff „Testkassette“ verbinden werde. Unfassbar!! Andererseits: Warum auch nicht, denn natürlich habe ich mich nicht von den Kindern ferngehalten, sie in dem Arm genommen, im Bett neben ihnen gelegen. Ich merke, wie wieder alles in mir eng wird. Nun bin ich also mit eingesperrt – bleibt mein Mann als „Versorger der Familie“. Auf dem Weg ins Testzentrum mache ich mir bewusst, dass das mein letzter Spaziergang für längere Zeit wird – genießen kann ich ihn nicht. All das „shaming und blaming“, das gerade die Ungeimpften trifft, ist auch für mich als Geimpfte, die sich nur widerwillig in die Mühlen der Quarantäne-Maschinerie begibt, spürbar.

Ich stehe in der gleichen Schlange wie Mann und Kind gestern, nur ist sie viel länger. Registrieren über mehrere Schritte – QR-Code, ein Portal, Email, noch ein Portal, Passwort, wieder Email… Ich frage die Frau an der Anmeldung, wie das bitte meine Oma machen sollte. Antwort: „Ältere Menschen müssen eben direkt zum Arzt gehen.“ Also Senioren, seht zu, dass ihr am Samstag oder Sonntag keinen COVID-Test braucht oder geht gefälligst digital! Ich bin dran und Überraschung: Heute brauche ich die „Testkassette“ live vor Ort, nicht etwa ein Foto. Nur habe ich das Ding leider zu Hause, man will ja nicht unnötig Viren durch die Gegend tragen.

Jetzt wird es wirklich ungesund

Zwar reichte das Foto gestern beim Kind aus, aber „gestern war halt die Kollegin da“. Ich rufe zu Hause an und hole Mann und Kinder vom Frühstückstisch – er hat ja noch Freigang und kann mir das Ding bringen. Leider hat er nur inzwischen den Müll entsorgt…tja. Also gehe ich in die Apotheke, wieder mit schlechtem Gewissen und quasi angehaltenem Atem, und besorge einen neuen Schnelltest, denn beim Testzentrum darf man mir keinen geben – ich habe ja keinen Schein vom Gesundheitsamt, der mich dazu berechtigt. Ich bin jetzt ziemlich am Rande mit den Nerven. Sitze in einem Torbogen an der Frankfurter Allee, popele mir in der Nase und warte dann – in einer anderen Stadt würde mich sicher jemand ansprechen, aber in Berlin kennt man ja alles. Der leichte Strich erscheint wieder und so habe ich nun die sichtbare Berechtigung auf einen PCR-Test, der mich für mal sehen wie lange zusammen mit meinen Kindern in der Wohnung einsperren wird.

Wieder zu Hause fühle ich mich nun tatsächlich krank, nämlich völlig verspannt und verunsichert und in echter Sorge, wie wir die nächsten Wochen überstehen sollen. Meine Nase schwillt zu – ist das nun Corona oder die Reaktion auf all diesen Orga-Terror? Wie auch immer – wir warten. Und chatten. Darüber sprechen ist immer noch besser als alles bei sich zu behalten und sich förmlich erdrücken zu lassen. Andere Eltern sind ebenfalls betroffen, zumindest aber beunruhigt, geimpfte Freunde haben Sorgen, Ungeimpfte fühlen sich zunehmend an den Rand gedrängt. Differenziertheit war mal, hier kommt man leicht an seine Grenzen.

Als erstes kommt das Ergebnis des Großen, dann meines: positiv. Damit ist klar: Der Kleine muss auch positiv sein. Aber uns allen fehlt die sogenannte „Quarantänebestätigung“ – und das braucht man, um später wieder „entlassen“ zu werden. Beim Kleinen fehlt dagegen das komplette Ergebnis – da beim Amt nichts eingegangen ist, kümmert sich auch niemand um die „Kontaktnachverfolgung“, alles was läuft, müssen wir selbst einleiten nach gesundem Menschenverstand. Beim Amt niemand erreichbar, wir füllen Formulare aus. Ansonsten ruhen wir uns aus und versuchen, bei Laune zu bleiben.

Ein Lichtblick: Es ist nichts Schlimmes passiert!

Und jetzt kommt da einzig Gute, Schöne und Wahre, das ich der Situation abgewinnen kann: 24/7 zu erleben, was für tolle, krisenfähige, resiliente Kinder ich habe. Wie sie zwar manchmal weinen oder ausrasten, aber sich dann immer schnell wieder fangen und einfach irgendeinen kreativen Weg finden, um das alles zu überstehen. Der Esstisch wird zu Tischtennis-Tisch. Ein weicher Fußball ist auch vorhanden und das Balkonfenster ist das Tor. Sie lernen musikalische Tempobezeichnungen, indem sie einen Heftschiene wie einen Harry-Potter-Zauberstand durch die Luft schwingen und „Allegro“ oder „Legato“ rufen. Der Große erklärt dem Kleinen Geometrie, der Kleine fragt den Großen Vokabeln ab. Sie beginnen, mit Kopfhörern in der Wohnung zu joggen. Wenn die Luft rein ist (ha, ha), nutzen wir die Chance und gönnen uns ein paar Minuten allein auf dem Dach – das war der Kompromiss, um den Kleinen überhaupt wieder aufzubauen. Sie erinnern mich daran, dass wir Gott sei Dank gar nicht alle sehr schlimm krank sind, sondern nur alle sehr unter Druck stehen.

Zwischendurch: Ruhe und kleine Glücksmomente…

Wir schaffen uns unsere eigene Struktur, einen kleinen Kosmos mit festen Abläufen: Hörspiel hören, Aufgaben machen, Mittagessen, Computerspielen, Ausruhen, Ballspielen auf dem Dach, Teetrinken und Kuchenessen, Online-Sport, Lesezeit, Abendessen. Wir könnten die Welt gut ein paar Tage in Ruhe lassen. Aber sie lässt uns nicht in Ruhe, denn es gibt ja Melde-, Mitteilungs-, Schul- usw. Pflichten.

Die nächsten Tage sind etwas ruhiger. Wir warten. Ob doch noch was Schlimmes passiert, man weiß ja nie. Menschen wünschen uns gute Besserung. Wir antworten, dass es uns gesundheitlich ganz gut geht und je nachdem wer fragt erzählen wir auch den Rest. Ach das, naja…der Psychokram, den wird man wohl schon gut hinkriegen, wenn nur der Körper mitmacht. Und wir haben ja auch wirklich Glück (Ironie kurz mal aus, das meine ich ernst). Niemand hat Fieber, niemand Atemnot – die Albträume sind erträglich und hören nach 2-3 Nächten auf. Erschöpft bin ich trotzdem, muss wohl der Psychokram sein.

Ich rieche mein Leben nicht mehr…

Und mir kommt nach ein paar Tagen der Geruchsinn abhanden. Ich rieche…nichts. ZERO. Das ist der Moment, wo ich zum Ergebnis komme, dass es nicht nur eine normale Nebenhöhlenentzündung ist. Ich rieche meine Familie nicht, ich kann nicht anständig kochen und das Zeug schmeckt alles ziemlich flach. Ich rieche den Lavendel in unserem Bad nicht, nicht meine Handcreme, nicht die Bettwäsche – ich rieche mein Leben nicht mehr. Klar, man kommt zurecht. Wenn ich die Welt von heute auf morgen nur noch in Graustufen sehe, komme ich auch zurecht. Aber ich weiß jetzt, warum ich ganz froh bin, mich doch zu dieser Impfung durchgerungen zu haben. So besteht die Hoffnung, dass der Mist nicht von Dauer ist.

Wie Lockdown, nur übler…

Bevor ich es vergesse zu erwähnen: Quarantäne ist wie Lockdown, nur übler. Wenn man Pech hat, ist wirklich jemand krank und dann ist eh alles andere egal. Wenn man Glück hat, muss man Homeschooling machen, nur diesmal ist man damit allein. Es gibt keine Klassenaufgaben und keine automatisierten Prozesse, sondern man muss sich das Zeug bitteschön selbst organisieren, z.B. von den Klassenlehrer:innen, anderen Eltern oder der Schulsozialarbeit. Glücklich, wer gut vernetzt ist. Die anderen lassen es einfach laufen und schleifen, was sollten sie auch sonst tun?

Passierschein A38

Ihr kennt das „Haus das Verrückte macht“ von Asterix und Obelix? Was wir erleben, spottet dem Hohn. Die PCR-Probe des Kleinen – erfahren wir, als wir nach fünf Tagen beim Kinderarzt nachhaken – sei auf dem Weg vom Arzt zum Labor verschwunden. Neuer Testtermin wird vereinbart, der dann abgesagt wird, weil die Probe doch wieder aufgetaucht ist. Wunderbar, eine Warteschlange und ein Flur weniger.

Nach gut einer Woche, in der ich selbst noch versuche zu arbeiten – bis auf Schnupfen und Müdigkeit habe ich ja nichts – kann ich einfach nicht mehr. Meine Problemlösungskompetenz ist auf dem Niveau eines Urzeitkrebses und meine Frusttoleranz auf dem einer Dreijährigen. Ich kann mich nicht konzentrieren, wahrscheinlich weil ich Corona-kaputt bin, aber vor allem auch, weil Abschalten und auch nur mal eine Stunde nicht an all das denken, quasi unmöglich ist.

Ich beschließe daher, nicht nur in Quarantäne, sondern auch wirklich krankgeschrieben zu sein. Wie geht das nun? Zum Arzt gehen scheint mir gerade nicht so die gute Idee, also rufe ich bei der Krankenkasse an, die laut Internetauftritt auch einen Online-Doc-Service anbietet. Nur weiß man am Info-Telefon davon leider nicht wirklich viel und verweist an die Hausärztin. Aber man verbinde mich nochmal direkt mit dem Online-Arzt-Service zur Sicherheit. Krankschreiben online? Nein, das würden sie hier nicht machen. Aber es steht doch auf ihrer Webseite und wann wenn nicht in diesen Zeiten macht es Sinn? Ja stimmt, da gebe es was…Moment, man verbinde mich mal zum Kollegen weiter. Kleine Fragen am Rande: Bin ich die einzige, die solche Fragen hat? Was machen die anderen? Hab ich irgendeine wichtige Informationsquelle übersehen, die einem in genau solchen Situationen hilft? Inzwischen ist der Kollege am Apparat und angeregt durch meine Fragen recherchiert er: Ein Quarantäne-Bescheid ist mit einer Krankschreibung gleichzusetzen und Hausärzte dürfen in Quarantäne gar nicht kranschreiben. Nun gut…

Stimmung schwankt…Manchmal auch „soaked in light“, aber meistens eher „darkness visible“

Das Kranksein ist leichter als das Krank-Gehalten-Werden

In der ersten Hälfte meine Quarantäne/Krankheit geht es mir trotz der körperlichen Dinge innerlich ganz gut. Ich lese, bin wenn ich einigermaßen Kraft habe, sogar auf Online-Vorträgen und trotz der Unkonzentriertheit im Alltag kommen mir zwischendurch ziemlich gute Gedanken. Doch das ändert sich in der zweiten Hälfte, als uns klar wird, dass wir nicht einfach „entlassen“ werden, sondern uns regelrecht werden freikämpfen müssen. „Negativ“ sind wir zu diesem Zeitpunkt übrigens alle drei bereits wieder – aber das interessiert ja nicht. Der Quarantäne-Zeitraum ist in jedem Fall abzuwarten und ein vorheriges Freitesten für einstmals „Positive“ ausgeschlossen. Gegenüber wem ist das nochmal genau solidarisch, dass ich meine Kinder nicht aufs Dach lassen darf, obwohl sie niemanden mehr anstecken werden? Und welche Intensivstation wird dadurch nochmal entlastet, dass wir eine weitere Woche hier zu viert aufeinanderhängen und die Stimmung nicht gerade besser wird?

Ich bekomme eine Vorstellung davon, was es bedeutet „invalide“ zu sein. Es bedeutet nicht nur, nicht in seiner Kraft zu sein, sondern auch, dass man damit zugleich an Einfluss und Bedeutung einbüßt. Weil man eben gerade nicht präsent sein, mitreden und sich zeigen kann. Und wie so oft kommt eine Erkenntnis als Geschenk hinzu:

Die Leute, die sich jetzt trotzdem melden, die Kraft wünschen, irgendetwas Mitfühlendes schicken oder einfach nur zuhören, das sind diejenigen, mit denen man nicht nur eine Schönwetter-, sondern eine echte tragfähige Beziehung hat. DANKE, dass ihr da wart!

Bei den Kindern ist es genauso. Sie haben das Glück, ein paar echte Freund:innen zu haben: Täglich klingeln Leute des Großen an der Tür und dann unterhalten sie sich über die Gegensprechanlage und winken sich durchs offene Fenster. Der Kleine bekommt von seinem Freund Arbeitsblätter vorbeigebracht – mit Masken und meterweitem Abstand unterhalten sie sich, während der eine in der Wohnung und der andere im Flur steht.

Wenn Du ins Wohnzimmer kommst und das hier hörst 🤣

„Mit diesem Formular müssen Sie das rosa Formular beantragen, Schalter 12, Stiege 5, Korridor W…“

Wir haben noch immer keine fundierten Infos darüber, wie wir nun wieder aus der Quarantäne herauskommen. Reicht das Testergebnis oder braucht es ein amtliches Schreiben? Was für ein Test muss es sein? Antigen, so wie es auf dem Amtsseiten steht, oder PCR, wie es die Klassenlehrer gerne möchten? Wie kommen wir eigentlich an einen PCR-Test? Müssen wir ihn am Ende noch selbst bezahlen? Die Infos im Elternchat widersprechen sich. Manche haben von einem „Ersatzschein“ gehört, der einem zu kostenlosten Test verhelfe…

Dann das Unglaubliche: Mein Mann kommt nach Tagen auf der Hotline des Gesundheitsamtes durch. Er erfährt: Es gebe keine kostenlosten PCR-Tests zum Freitesten für Selbst-Infizierte, nur bei medizinischer Indikation. Aufklärung versprechen zwei weitere Anrufe des Gesundheitsamtes – parallel bei meinem Mann und bei mir (literally!). Zwölf Tage nach Beginn des Irrsinns ruft man uns an, um Kontaktnachverfolgung, Quarantäneregeln usw. zu besprechen. Beide Anrufer wissen nichts voneinander, säßen mein Mann und ich nicht im Nachbarzimmern („Telefonierst Du auch mit dem Gesundheitsamt?!?“), würde es wahrscheinlich Tage dauern, herauszufinden, dass wir doppelt bearbeitet werden. So muss man „einfach nur“ die Ergebnisse beider Gespräche zusammenführen. Und dann haben wir plötzlich einen eigenen Sachbearbeiter, die sich um unsere Fälle kümmert. Er hat erstaunlich viel Zeit und Verständnis, denn er ist selbst Vater und politisch interessierter Mensch. Was für eine Erleichterung – ein Mensch! Mit Mitgefühl!

„Solidarisch“ gewesen – und dafür Lehrgeld bezahlt

Und dann treffen wir unsere hoffentlich letzte unkluge Entscheidung für diese Quarantäne: Statt des Standard-Antigen-Tests, der ja seit Tagen bei uns allen negativ ausfällt, fragen wir nach einem PCR-Test. Im Hinterkopf auch einzelne aufgebrachten Eltern, die sich bei der Schule erkundigen, warum denn Informationspolitik, Kontaktnachverfolgung und Testverhalten nicht viel strenger wären…Man will ja solidarisch sein und sich nichts vorwerfen lassen, nicht wahr? Der Gesundheitsamtsmitarbeiter kann eine Ausnahme machen und wir bekommen für die Kinder kostenloste PCR-Tests. Das Ergebnis: Der Kleine ist noch positiv, mit angeblich höheren Werten als beim ersten Test! Wir sind sprachlos. Wie kann das sein? Das Kind ist topfit, Schnellteste diverser Marken seit Tagen negativ. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Es gibt Menschen, die bei einer Infektion offenbar Infos in ihre Gene einbauen, die dann zu positiven PCR-Tests trotz Genesung führen. Sagt das RKI – Gott sein Dank, das RKI, denn damit ist die Info so glaubwürdig, dass nun wirklich niemand daran zweifelt. Ja, das sei häufiger mal der Fall, weiß man auch beim Gesundheitsamt. Nur informiert einen darüber leider keiner – hätten wir es nicht selbst recherchiert und mittlerweile einen direkten Draht zum Amt ständen wir jetzt wieder bei 0.

…und sowas gibt’s zum Glück auch noch. Besser wütend sein als sich völlig leer und überrollt fühlen.

„Frei“ ist der Kleine trotzdem noch nicht – jetzt wird nachgetestet durch das Gesundheitsamt. So selten ist es auch nicht, dass Tests ungenau oder fehlerhaft sind, lernen wir in diesem Zusammenhang. Vor dem Amt trotz Termin 20 Minuten bei 4 Grad in der Schlange stehen, Toiletten gibt es keine, das Kind solle mal in die Büsche gehen. Wenn der PCR-Test erneut positiv ausfällt, geht’s zum Amtsarzt. Vier weitere Tage Hoffen und Bangen folgen – dann ist klar: Er ist nicht mehr ansteckend. Was nun schief gelaufen war ist uns egal. Das Kind strahlt über das ganze Gesicht.

Epilog: 5 G!

Ich bin wütend. Auf ein System, das nicht die einzelnen Menschen und Fälle im Blick hat, sondern Formulare und Regeln abarbeitet jenseits davon, was andere wirklich gefährdet oder schützt. Wütend auf eine Politik, die das alles hätte thematisieren können, es aber nicht getan hat, denn es war ja Wahlkampf und man wollte sich nicht unbeliebt machen. Wütend auf die ignoranten Corona-Leugner:innen UND auf die Hater und Bescheidwisser, die alle, die irgendwelche Corona-Maßnahmen in Frage stellen, in einen großen Sündenbock-Sack stecken.

Ich bin traurig. Weil von einigen wenigen Menschen, die ich nicht zur Schönwetter-Fraktion gezählt hätte, gar nichts kam, gerade jetzt, wo ich es so gebraucht hätte. Vielleicht sind sie auch in ihren eigenen Geschichten gefangen…

Ich bin dankbar. Für Mitgefühl und kleine Gesten, die von Leuten kamen, von denen ich es nicht erwartet hatte. Für die starken Männer an meiner Seite (Ironie aus!), mit denen ich die letzten 14 Tage überstanden habe. Für die Techniken, das Wissen und die Gemeinschaft zu anderen, die mir durch die Yoga-Ausbildung und -Fortbildungen geschenkt ist und die alles so viel erträglicher gemacht haben. Für die Erfahrung, wie es ist, wenn Leute für einen meditieren und für die Gewissheit, dass gute Gedanken und positive Kommunikation sowas von etwas verändern. Und ja, ich bin auch dankbar für unseren persönlichen Ansprechpartner beim Gesundheitsamt.

Ich rieche und laufe mich Stück für Stück ins Leben zurück und feiere jedes Aroma, das wieder neu hinzukommt. Ich war inzwischen wieder draußen. Noch fühle ich mich irgendwie unsicher, irgendwie verkehrt und manchmal einfach ziemlich platt. Habe teilweise Beklemmungsgefühle, ohne, dass ich sagen könnte, warum. Wie schnell man lernt, dass „irgendwas mit einem verkehrt ist“, ist erstaunlich…Zu viele Menschen lernen das gerade. Tröstlich ist, dass man sich auch wieder umprogrammieren kann. Zum Beispiel durch schöne Erfahrungen: Ich gehe in eine Bäckerei und hole mir ganz normal einen Kaffee und ein Milchhörnchen. Es ist alles ok, alles ok. Es war im Grunde nie anders. Ich habe nichts falsch gemacht. Ich bin nicht unrettbar krank, nur erschöpft.

Eine Pandemie ohne die Avett Brothers überstehen? Möglich, aber besser is mit…

Es wird Tage dauern, bis ich mich wieder wie ein normaler Mensch fühle, vielleicht Wochen. Schuld daran ist nicht Corona. Schuld daran ist die erbärmliche Art und Weise, wie wir hier in Deutschland, in Berlin, damit umgehen – die destruktive Kommunikation und die kollektive Angst und Angespanntheit, die alles, was zu bewältigen ist, bremst statt fördert. Aber hey, was soll’s! Wie absurd das alles auch noch werden mag, ich bin jetzt 5G: Geimpft, genesen, getestet, getroffen und irgendwie trotzdem gehalten.

Teil 2: Fünf weiterführende Gedanken

Ja ich weiß, das ist ein langer Text und das Lesen mag anstrengend sein…es waren auch lange und anstrengende zwei Wochen.

1 Wir erleben einen riesigen Kommunikations-Fehlschlag: Über-Ich statt Überzeugung

Wir, die Gesellschaft, sind in einer schwierigen Situation. Aber wir machen sie noch schwieriger: Viele Medien, viele Fachleute, viele offizielle Stellen, machen sie noch schwieriger durch die Art, wie sie sprechen. Heribert Prantl beschreibt es treffend (leider hinter Paywall): „Mit Hoffnung meine ich freilich nicht die Leugnung der Gefahr, nicht Illusion […] Ich meine damit eine Kraft im Innern der Menschen und im Innern der Gesellschaft, die wir in Großkrisen unbedingt brauchen, um zu bestehen und sie zu überwinden“ und „Die Impfung braucht Werbung. Drohung und Beschimpfung sind keine Werbung.“ Genau! Denn alles, was von einem „Über-Ich“ zu kommen scheint „Du sollst nicht x! Du musst y! Und wehe, Du wirst nicht Z!“ stößt bei vielen auf Abwehr, gerade in Deutschland und das aus nachvollziehbaren Gründen.

Werbung wäre für mich zum Beispiel gewesen: „Du kannst auch in Corona-Zeiten ein normales Leben mit Kontakt zu anderen führen. Allerdings wird Dich das Virus sehr wahrscheinlich irgendwann treffen. Wenn Du geimpft bist, werden die Folgen für Dich sehr wahrscheinlich weniger schlimm sein. Du wirst viel unwahrscheinlicher im Krankenhaus landen und wahrscheinlich Deinen Geruchs- und Geschmackssinn behalten und hey, dafür lohnt es sich doch.“

Machen wir uns doch nichts vor, die meisten Leute haben sich nicht deshalb impfen lassen, weil sie „solidarisch sein“ wollten, sondern weil sie Angst um die eigene Gesundheit hatten oder sich freier bewegen können wollten. Das ist ja auch in Ordnung. Aber so zu tun als wären alle Geimpften solidarisch und alle Ungeimpften unsolidarisch ist einfach dran vorbei. Wenn ich mich als Geimpfte nicht teste, kann ich genauso Leute gefährden wie eine ungeimpfte Person. Wären meine ungeimpften Kinder nicht gewesen, hätte ich sehr wahrscheinlich nicht oder erst spät gemerkt, dass ich Corona habe und hätte es unabsichtlich durch die Gegend getragen. Wenn sich ungeimpfte Menschen von anderen fernhalten, vor Kontakten testen und Maske tragen, dann kann ich ihnen wenig vorwerfen.

2 Corona ist die Virus-gewordene Unberechenbarkeit

Viele Menschen glauben immer noch, die Impfung würde sie schützen und daher dazu berechtigen, einfach überall unbesorgt hinzugehen. Aber wir werden gerade leider eines Besseren belehrt. Die Impfung hilft in vielen Fällen, das Schlimmste zu verhindern. Aber niemand ist final geschützt. Auf der anderen Seite gibt es genug Beispiele, wo auch Menschen aus Risikogruppen etwa ältere Personen oder Menschen mit Atemwegserkrankungen – wirklich gut durchgekommen sind. Das prophylaktische Entsetzen auf die Nachricht „Ich habe Corona“ ist ebenso unangebracht wie das Unterschätzen des Virus. Man weiß es einfach nicht. Man weiß es überhaupt nicht, bevor man es bekommt nicht und wenn man drinsteckt weiß man nicht, wie der nächste Tag wird! Es gilt, ständig das eigene Gewissen, das eigene Bauch- und Körpergefühl zu befragen und dann zu entscheiden, wie man sich jetzt gerade am angemessensten verhält. Es gilt auszuhalten, dass nicht alles abzusichern und berechenbar ist. Willkommen im Leben!

3 Das Faktische ist wichtig, aber es ist nur die halbe Wahrheit

Die Inzidenz-Werte, Infektionswerte beim PCR-Test, Zahlen infizierter Schüler:innen usw. und vor allem die Verhältnisse in den Krankenhäusern sind wichtig und wir dürfen sie nicht ignorieren. Wir dürfen aber auch nicht ignorieren, dass wir nicht nur belebte Körper sind und nicht nur Fakten und Zahlen, die verwaltet und sortiert werden müssen. Die ganzen emotionalen und seelische Komponenten sind derzeit vollkommen unterbelichtet. Am übelsten finde ich, dass es eigentlich ganz umgängliche und diskursfähige Menschen gibt, die plötzlich alles Spirituelle, Natur- oder Alternativmedizinische pauschal verteufeln. Warum? Ist das nötig? Was hilft es? Kann man auf diese Weise eine höhere Akzeptanz der Impfung herbeischreien? Warum muss das eine Teufelszeug sein, nur weil das andere hilft?

Schonmal was von der Kraft von Affirmationen oder Meditation gehört? Dazu gibt es etliche wissenschaftliche Erkenntnisse, bekannt ist etwa der Mind-Body-Medizin-Ansatz von Herbert Benson (Harvard Medical School)? Neuroplastizität – das Phänomen, dass sich Nervenverbindungen und Gehirnstrukturen ändern, wenn wir regelmäßig bestimmte (Denk-)Erfahrungen machen – ist ebenfalls nichts, was man als „esoterisches Geschwurbel“ abtun könnte. Gedanken können unsere Gesundheit beeinflussen, in die eine oder andere Richtung. Wenn also jemand „das Gefühl hat“, die Impfung partout nicht in den eigenen Körper aufnehmen zu können, ungeachtet aller sachlichen Argumente, dann ist es durchaus möglich, dass es diesem Menschen damit wirklich schlecht geht, ob nun körperlich oder psychisch. Ich will, ich darf das für niemanden voraussagen und von niemandem verlangen, das zu tun, was ich gesund für ihn/sie finde! Wohl verlangen darf man Rücksichtnahme und den bestmöglichen Schutz anderer, zum Beispiel durch Tests oder einfach auch Sich-Fernhalten von Menschen, die sich nicht bewusst damit einverstanden erklärt haben. Siehe Punkt 1.

Übrigens: Ich habe auch schon erlebt, dass jemand nicht geimpft war und dermaßen überzeugt, die Krankheit auf die eigene Art durchstehen zu können, dass er oder sie es tatsächlich geschafft hat. War das zu erwarten? Nein! Warum hat es funktioniert? Keine Ahnung! Ich möchte es nicht nachmachen, aber ich muss doch anerkennen, dass es offenbar mehr als meinen Weg gibt.

4 Unser Umgang mit Corona aktiviert alte Traumata und schafft neue

Ich kenne eine Menge Menschen, deren Grundvertrauen ins Leben oder in sich selbst recht wackelig ist. Ob in Folge (früh-)kindlicher Erfahrungen, über mehrere Generationen weitergereichte Ängste und Spannungen oder weil sie Extrem-Situationen erlebt haben. All diese Menschen werden durch die Corona-Kommunikation (siehe Punkt 1), durch die Erfahrungen von Unerreichbarkeit zuständiger Stellen, widersprüchliche Informationen, ewige Wartezeiten, Aggression anderer verunsicherter Leute getriggert und in ihre alten Angst-/Unsicherheits-Erfahrungen zurückgeworfen. Menschen, die bisher stabiles Urvertrauen hatten, werden verunsichert von Bildern und Berichten von wahlweise Leichen- oder Krankentransporten, von vertagten medizinisch notwendigen Behandlungen, weil Stationen und Personal für Corona-Patient:innen freigehalten werden sollen…Das alles ist schrecklich. Es ist traurig, es macht wütend. Das Einzige, was – vielleicht – hilft, ist darüber zu reden. Der Trauma-Forscher Bessel van der Kolk beschreibt, wie Trauma dann entsteht und verfestigt wird, wenn schlimme Erlebnisse schambehaftet sind und jede:r versucht, sie allein zu verarbeiten. Wenn es hingegen öffentliche Räume zum Austausch gibt, so wie es in New York nach 9/11 der Fall war, können auch schlimme Erlebnisse integriert werden. Wo sind diese Austauschräume? Bisher gibt es sie meines Wissens, wenn überhaupt, nur auf private Initiative hin. Die Messenger-Gruppe hilft trotz aller Nervigkeit, mit der Welt außerhalb der eigene Tragödie in Verbindung zu bleiben. Besser wäre es, wir hätten offizielle Austauschräume, die unter jeder Mail des Gesundheitsamtes mit verlinkt sind.

5 Was auf jeden Fall allen hilft, ist Mitgefühl

Neulich in einem Seminar zu „Bewusster Kommunikation“ haben wir uns gefragt, was eigentlich „böse“ bedeutet. Ein Ergebnis war: Böse sein heißt frei von Mitgefühl sein. So betrachtet sind derzeit sehr viele Menschen böse, denn sie sind frei von Mitgefühl für alle, die anders denken oder empfinden als sie selbst. Über Corona-Leugner:innen und das Böse, das sie anrichten, zu schreiben erübrigt sich wohl. Diejenigen, die Todesdrohungen gegen Impfverfechter:innen aussprechen – böse im oben beschriebenen Sinne. Aber Böses richten auch diejenigen an, die z.B. alle Nicht-Geimpften über einen Kamm scheren und die, die einen Impfzwang fordern und sich damit anmaßen, pauschal für alle anderen Personen zu bestimmen, was wohltuend und schützend ist.

Und was das Krankwerden und Geheiltwerden angeht: Wie viel kann ein freundliches Wort und ein aufmerksames Zuhören bewirken. Es ist ein Unterschied, ob ich per Formular und Hotline kommuniziere oder mit einer echten Person am anderen Ende der Leitung, mit einem mitfühlenden Menschen in der Praxis oder im Testzentrum. Auf der Strukturebene muss es irgendwie wieder möglich werden, von Mensch zu Mensch statt von Mensch zu System zu kommunizieren. Zum Beispiel, indem man vor der nächsten Pandemie die Gesundheitsämter anders aufstellt. Und auf der individuellen Ebene könne wir alle üben, nicht nur auf Augenhöhe, sondern auch auf Herzhöhe zu kommunizieren.

Klar, ihr rechtschaffenen Leute, ihr könnt weiter Gift und Galle spucken, pauschal gegen alle Ungeimpften. Und klar, ihr Alternative-Fakten-Wisser, ihr könnt weiterhin behaupten, das Virus sei eine große irgendwie gesteuerte Verschwörung. Ihr könnt auch einfach eingestehen, dass sich vieles nicht klar voraussagen lässt, dass Corona die größte anzunehmende Unsicherheit ist und jeder Mensch für sich abwägen muss, welche der blöden Varianten die weniger blöde ist. Wenn es euch trifft, ist das eh alles nur noch „Bla Bla“ und Schaukampf und ihr müsst für euch einen Weg hindurchfinden. Mir scheint, das Einzige wirklich Hilfreiche wäre, sozusagen mit dem Herz voran zu denken – also den Kopf zu benutzen, aber nicht nur den Kopf. Sich mal einen Moment auf die andere Seite zu versetzen, ob da nun „das Gesundheitsamt“ oder das „Kind ungeimpfter Eltern“ steht. Die meisten haben Angst, die meisten sind wütend, alle sind ziemlich überfordert – wer sich damit nicht über Corona hinaus vergiften will, geht damit besser offen um und lässt zu, dass es andere auch tun.

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